Sonntag, 23. Dezember 2007

Von Engeln und Heiligen inmitten der Armut.

In einem Land in den Anden ist das ganze Jahr über Weihnachten. Doch es braucht einen klaren Blick, um das zu erkennen.

Wer auf der südlichen Hälfte des Globus lebt, sieht die Dinge oft ein bisschen anders. Glühwein, dicke Mäntel und Wollmützen sind in Bolivien eher im Juli und August als um die Weihnachtszeit angesagt. Schnee fällt allerdings das ganze Jahr über immer mal wieder auf den Bergen, die fünf- bis sechstausend Meter hoch in den Himmel ragen, und sogar bis in die Stadt Potosí hinunter, mit 4000 Höhenmetern eine der höchsten Städte der Welt.

Die Weihnachtsreklame ist dagegen dieselbe wie überall auf der Welt: rote Zipfelmützen, gefütterte Weihnachtsmannmäntel, lange weiße Bärte, glitzerndes Geschenkpapier mit roten und goldenen Bändern. Plastikweihnachtsbäume mit Plastiklametta, Plastikkerzen und Plastikschnee dürfen dabei nicht fehlen. Was Rentiere sind und wozu ein Schlitten dient, weiß hier zwar fast keiner, aber sie gehören zu Weihnachten dazu wie Ochs und Esel an der Krippe. Jingle Bells und The first noel werden im Radio auch schon mal auf Englisch gespielt – man versteht ja doch nicht, worum es da geht. Weihnachten made in USA.

Die traditionellen Bräuche, die in Bolivien zu Weihnachten gehören, sind deswegen jedoch noch nicht in Vergessenheit geraten. Dazu gehört in erster Linie eine Figur des Jesuskindes, die in jeder Familie für ein paar Tage zum Mittelpunkt wird. Sie bekommt ein neues Gewand, wird in einen schönen Korb oder ein Puppenbett gelegt und mit Blumen und grünen Zweigen geschmückt. Maria und Josef, die drei Könige, Ochs und Esel, Kamele, Schafe und Hähne werden je nach Belieben dazu gestellt. Am Heiligen Abend werden die Jesuskinder und oft auch die anderen Figuren mit zur Messe genommen und einzeln gesegnet. Zuhause erhalten sie einen Ehrenplatz, eine Puppentasse voller Kakao und ein Puppenteller mit Gebäck wird daneben gestellt. Dann singen die Kinder Weihnachtslieder und tanzen dazu. Nach dem Essen und wenn die Kinder ins Bett gegangen sind, tanzen und feiern die Erwachsenen weiter.

In den kommenden Tagen besuchen die Kinder Nachbarn und Verwandte, singen und tanzen vor dem Jesuskind, erhalten Kakao und Plätzchen und ziehen weiter. Weihnachtsgeschenke gibt es erst seit ein paar Jahren. Das war früher nicht so wichtig. Überhaupt reichen die finanziellen Mittel oft nur für ein paar Kleinigkeiten aus, aber auch darüber freut man sich.

Weihnachten – das ist auch das ganze Jahr über immer wieder aktuell: Menschen, die unterwegs sind, um wenigstens so etwas wie einen Stall als Unterkunft zu finden, schwangere Frauen, die unter irgendwelchen Umständen ihr Kind zur Welt bringen, Hirten, die Nachtwache bei ihren Herden halten; arme Menschen, die sich trotz ihrer eigenen Not gegenseitig aushelfen. Ochs und Esel, Schafe und Hirten, Kinder in wenige Tücher gewickelt, kein Platz in der Herberge: Das ist Alltag in Bolivien. Wer genau hinschaut, sieht auch gelegentlich den einen oder anderen Engel auftauchen, der „große Freude“ verkündet, oder die drei Könige, zuweilen in seltsamen Verkleidungen. Auch sie gehören zum Alltag der bolivianischen Weihnacht; man braucht aber besonders geschärfte Augen, um sie zu erkennen.

Publik-Forum (2007) 24, 33