Sie kommen aus Mali, dem Sudan. Aus West-, Süd- und Ostafrika. Sie durchqueren die Wüste, mehrere, teils feindliche Staaten und legen viele Tausend Kilometer zurück. Sie vertrauen sich geschäftstüchtigen Schleppern, unzureichenden Schlauchbooten und unüberprüfbaren Hoffnungen an. Das Mittelmeer scheint ihnen nur noch ein Katzensprung, ein etwas breiterer Jordan, der sie vom Gelobten Land ihrer Illusionen trennt. Viele versuchen es zum zweiten, zum dritten Mal, wenn die europäischen Behörden sie nach Afrika zurückgeschickt haben. Viele ertrinken. Kinder, Frauen und Männer.
Wie viele es jährlich, täglich, stündlich sind, kann kein Mensch sagen. Einer wissenschaftlichen Schätzung zufolge sollen von 1990 bis 2004 alleine zwischen Marokko und Spanien bis zu 10.000 Menschen umgekommen oder „verschwunden“ sein. Jeder von ihnen ein Einzelschicksal. Am 7. Juli starben vierzehn Migranten vor der andalusischen Stadt Motril; am 10. Juli wurden vor Almería fünfzehn Tote gezählt, unter ihnen neun Kinder; am 11. Juli fand man in einem Boot, das nach La Gomera gelangt war, vier Leichen zwischen den Überlebenden. Zwei von diesen starben im Krankenhaus.
Christinnen und Christen in Spanien kämpfen seit Jahren gegen die rigide Abschottungspolitik ihrer Regierung und der EU. Die Verabschiedung der so genannten „Rückführungsrichtlinie“ durch das Europäische Parlament am 18. Juni 2008 hat die öffentliche Diskussion wieder neu entfacht. Christliche Gruppen und Gemeinden arbeiten in der Frage der Migration mit zivilgesellschaftlichen Gruppen zusammen. In Spaniens Süden beispielsweise hat sich das Netzwerk „Andalucía acoge“ (etwa: Andalusien nimmt auf) etabliert. Auch Bischof José Sánchez, in der Bischofskonferenz für die Fragen der Migration zuständig, kritisiert die Rechtlosigkeit der Migranten in Europa.
In Blogs, Briefen und Demonstrationen machen die Gemeinden auf die Situation der Migranten aufmerksam. Äußerungen von Wut und Zorn auf die unmenschlichen europäischen Regelungen wechseln mit Bekenntnissen von Scham und Abscheu: „Es ekelt mich an“, schreibt ein Blogger aus Motril, „der ganze Zynismus und die Heuchelei ekeln mich an“. „Die Toten sind unterschiedlich viel wert, je nachdem, woher sie kommen“, protestiert eine andere aus Almería. Die Widersprüchlichkeit und Heuchelei macht vielen zu schaffen: Die Strände, an denen die Migranten tot oder lebendig ankommen, sind dieselben, die auch dem Sonnenbad und dem Wassersport dienen. Das Europa, das sich jetzt den Migranten verweigert, ist dasselbe, das im 19. Jahrhundert Migranten in alle Welt entließ und sich in den Jahrhunderten zuvor die Reichtümer der Welt aneignete.
Deswegen machen die Christinnen und Christen in Spanien nicht nur auf die Ursachen der Migration aufmerksam (vor allem die ungerechte Weltwirtschaft) sondern fordern gleiche Rechte für alle, Menschenrechte nicht nur für Europäer, sondern für alle Menschen.
Sie wissen: Für die Migranten gibt es kein Zurück, außer sie können mit harten Euros ihre Schulden und die ihrer Mütter, Tanten, Cousins und Cousinen zurückzahlen. Schulden, die gemacht wurden, um dem Glückskind der Familie, dem Hoffnungsträger, dem Pfiffikus, der immer alles geschafft hat, die Reise in das Gelobte Land zu ermöglichen. Die Bewusstseinsarbeit in der Öffentlichkeit geht deshalb Hand in Hand mit konkreter Begleitung und Seelsorge für Migranten und Saisonarbeiter. Das Wort Jesu: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ soll sich in der konkreten Arbeiten dieser Gemeinden bewahrheiten. Es ist ihr Wunsch, dass dieser Satz einmal auch für die Einwanderungspolitik der EU gelten wird.
www.acoge.org
www.atrio.org
www.redescristianas.net
www.directivadelaverguenza.org
Im deutschsprachigen Raum hat vor kurzem Pro Asyl e.V. eine Bewusstseinskampagne zum Thema gestartet: www.stoppt-das-sterben.eu
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