Volk Gottes oder Fußvolk?
Die Laien im Dokument von Aparecida
von Stefan Silber und Ursula Silber
in ZMR 92 (2008) 1-2,96-104
1. Begriffsbestimmung: Was ist ein „Laie“?
Menschen wie uns gibt es nicht allzu viele in der katholischen Kirche, weltweit gesehen. Darum halten wir es für notwendig, vorab zu erklären, wer wir sind und von welchem Standort aus wir diesen Artikel schreiben. Wir sind eine Laien-Frau und ein Laien-Mann mit theologischer Universitäts-Ausbildung und einer hauptberuflichen Anstellung in der Kirche. Das ist in Deutschland nichts Besonderes mehr, aber gerade im Blick auf die Kirche Lateinamerikas alles andere als normal. Aufgrund der völlig anders gearteten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und auch ekklesialen Situation gibt es für die Nicht-Priester und Nicht-Ordensleute unter den Theologen z.B. in Bolivien nur eine Handvoll regulärer Stellen; das Theologiestudium bietet außerhalb des Priesterseminars keine Perspektive, infolgedessen gibt es auch nahezu keine Laien mit akademischer theologischer Ausbildung (darunter verschwindend wenige Frauen!) verschwindend wenig theologisch gut qualifizierte Laien und Laiinnen in offiziellen kirchlichen Funktionen. Es gibt aber eben auch nicht das, woran wir in Deutschland oft denken, wenn wir über „Laien in der Kirche“ sprechen: Konkurrenz(-ängste) zwischen hauptamtlichen Laien und Pfarrern, Predigtverbote und Ähnliches. Am Beginn steht also die Warnung zu Vorsicht: Wir sollten uns hüten, unsere mitteleuropäischen Vorstellungen, Erfahrungen und mitunter auch Konflikte auf die Situation der Kirche in Lateinamerika zu übertragen.
Stattdessen möchten wir einen Laien aus Lateinamerika selbst zu Wort kommen lassen, wie er Laien in der Kirche versteht und definiert. Miguel Miranda[1] versteht das Abstractum „Laizität“ (span. laicidad) von GS 36 her, nämlich als legitime Autonomie der Welt (in ihren geschichtlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen… Dimensionen) von der Vormundschaft (span. „tutela“) durch die Kirche. Diese Autonomie ist in der Schöpfungsordnung begründet und daher von Gott gewollt. Wenn im innerkirchlichen Jargon von „den Laien“ gesprochen werde, so sei damit ein sozio-religiöser Stand gemeint, der durch ein Defizit – das Nicht-Kleriker-Sein - definiert und auf den unteren Rängen der Hierarchie angesiedelt sei. Anders als diese hierarchische Ortszuweisung lasse sich der Laienstand aber auch als persönlicher, sozialer und theologischer Ort bestimmen, von dem aus wir wahrnehmen und denken, leben und glauben.
In Lateinamerika haben sich in den letzten 40 Jahren die Kirchlichen Basisgemeinden (Comunidades Eclesiales de Base, im Folgenden: CEBs) als neue und Bahn brechende Erfahrung von Kirche aus Laienperspektive konstituiert[2]. Die CEBs verstehen sich als Kirche in der Welt, im Dialog mit allen Menschen guten Willens und mit einer befreiungstheologischen Option für die Armen. Sie sehen sich selbst als weitgehend autonom an, ohne jedoch die Bindung an die Ortskirche aufzugeben. In ihnen wird die Vision vom „laós“ gelebt, dem einfachen, oft unterdrückten und ausgebeuteten Volk ohne Privilegien, in dem alle gleichberechtigt sind. Diese „Kirche des Volkes“ ist zugleich ein Kontrastentwurf zu einer Kirche, die historisch bedingt den Anspruch der Herrschaft und Definitionsmacht (span. „rectoría y tutela“) über die Gesellschaft beansprucht. Tatsächlich wurden im Kontext der Basisgemeinden-Bewegung Laien und ihre Rolle als ProtagonistInnen der Ekklesiogenese zu einem wichtigen Thema der befreiungstheologischen Reflexion. Hier ist der “Sitz im Leben“ der schon nahezu legendär starken Position von Männern und Frauen aus dem Laienstand in der Kirche Lateinamerikas. Als Mitglieder und Leitungspersonen der CEBs, als Katechistinnen und Katechisten in Landgemeinden und in der Gemeindekatechese des städtischen Kontextes, in vielen anderen Laienämtern (span. „ministerios laicales“) und nicht zuletzt als gläubige Männer und Frauen, die in ihrem Alltag den christlichen Glauben leben, bilden sie die vielen Millionen Laiinnen und Laien des Gottesvolkes des lateinamerikanischen Kontinentes.
2. Das Schlussdokument von Aparecida – ein positiver Blick auf die Laien
Was sagt nun das Schlussdokument der Bischofsversammlung von Aparecida über diese Gruppe, de facto: über die große, ja überwältigende Mehrheit der Christgläubigen in Lateinamerika?
Der erste Blick in das Dokument von Aparecida generiert einen positiven Eindruck: Durchgängig durch den gesamten Text finden wir häufige Erwähnungen von Laien und ihrer Rolle; offenbar sind sie ein wichtiges Thema. Auch der Blick ins Inhaltsverzeichnis macht Laien sichtbar; in Kapitel 5: „Die Gemeinschaft der missionierenden Jünger in der Kirche“ finden wir einen eigenen Abschnitt mit der viel versprechenden Überschrift: „Die Männer und Frauen aus dem Laienstand, Jünger und Missionare Jesu, der das Licht der Welt ist“ (5.3.4.). Das eigentlich Spannende hierbei aber ist die Zwischenüberschrift des Abschnitts 5.3.: „Missionarische Jünger mit spezieller Berufung“. Dies heißt doch, dass das Laie-Sein eine spezielle, besondere Berufung innerhalb der Kirche ist. Auch wenn die „Männer und Frauen aus dem Laienstand“ in der Reihenfolge an vorletzter Stelle kommen, nämlich erst nach den Bischöfen, Priestern und Diakonen sowie vor den Religiosen, so werden sie doch nicht – wie so oft in Geschichte und Gegenwart – über das Fehlen einer besonderen Berufung definiert, sondern eine solche wird ihnen ausdrücklich zuerkannt.
Im Kontrast zu der hierarchischer Abfolge der „Stände“ innerhalb der Kirche (in 5.3.) lesen wir allerdings gleich am Beginn des 5. Kapitels und noch vor der Reflexion über Dienste und Ämter einen Abschnitt über die gemeinsame Basis aller Kirchenglieder, nämlich die Taufe und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen:
Mit dem Glauben und der Taufe empfangen wir Christen auch den Heiligen Geist, der uns befähigt, Jesus als Sohn Gottes zu bekennen und Gott „Abba“ zu nennen. Als getaufte Männer und Frauen in Lateinamerika und der Karibik sind wir alle „durch das gemeinsame Priestertum des Volkes Gottes“ (Eröffnungsansprache 3) dazu berufen, die Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit zu leben und weiterzugeben, denn „die Evangelisierung ist ein Aufruf zur Teilhabe an der dreifaltigen Gemeinschaft“ (Puebla 218). (Nr. 157)
Hier und an anderen Stellen wird sichtbar, dass die Vollversammlung eine Rückkehr zu den Wurzeln und dem theologischen Projekt von Medellín und Puebla intendiert, nämlich die Grundanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Kontext der lateinamerikanischen Realität hinein zu buchstabieren. Dies bleibt auch im neuen Jahrtausend die Herausforderung durch die „Zeichen der Zeit“.
Das Schlussdokument von Aparecida nimmt auch zu den charakteristisch lateinamerikanischen Phänomenen und Entwicklungen wie die den CEBs sehr positiv Stellung, nämlich ebenfalls im 5. Kapitel, und zwar unter der Überschrift „ Kirchliche Orte“ (Nr. 178-180), außerdem im 6. Kapitel zum Thema „Ausbildungsorte“ (Nr. 307-310). An dieser zuletzt genannten Textstelle finden wir auch Überlegungen zu den „Berufungen für das Laienapostolat“. Im Vergleich mit der von den Bischöfen verabschiedeten ursprünglichen spanischen Textfassung fallen im offiziellen Dokument jedoch teilweise recht tief greifende redaktionelle Kürzungen oder Veränderungen im Wortlaut auf; wiederholte Hinweise auf die Einheit mit den Hirten, die Eucharistie als Mitte des christlichen Lebens und auf die Bewahrung des Schatzes der Tradition zeigen, dass man es offenbar für notwendig hielt, die CEBs und die in ihnen tätigen Laien sehr deutlich in die kirchlichen Strukturen ein- und unterzuordnen[3].
Eine andere kirchliche Funktion, in der Männer und Frauen aus dem Laienstand eine wichtige und tragende Rolle spielen, ist die des Katechisten/der Katechistin. Sie werden in Zusammenhang mit den schon oben erwähnten Laienämtern (span. „ministerios laicales“) erwähnt (Nr. 211), gemeinsam mit den Wort-Gottes-Delegierten und den GemeindeleiterInnen. Dabei wird allerdings nicht deutlich, ob die Bischöfe sich im spanischen Wortlaut bei den „catequistas“ eher die Männer (und manchmal auch Frauen) vorstellten, die in ländlichen Regionen als kirchliche Ansprechpersonen mit Leitungsverantwortung fungieren[4] – oder doch eher die vor allem im urbanen Raum anzutreffenden MitarbeiterInnen in der Gemeindekatechese, vergleichbar den auch bei uns bekannten GruppenleiterInnen. Zu vermuten steht letzteres, da nirgendwo auf die spezifische Situation und Herausforderung der dörflichen KatechistInnen (span. „catequistas rurales“) eingegangen und eher ein städtischer Kontext vorausgesetzt wird.
Kommen wir zurück zu der Frage: Was ist eigentlich ein Laie? Gleich am Beginn des schon erwähnten Abschnitts über die Männer und Frauen aus dem Laienstand (5.3.4., Nr. 209) wird eine Definition gegeben, die LG 31 aufgreift und weitgehend zitiert:
Die gläubigen Laien sind „die Christgläubigen, die, durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben.“ (Nr: 209)
Als wichtige Elemente seien festzuhalten: die Begründung der Zugehörigkeit zum Volk Gottes durch die Taufe; die dadurch gegebene Teilhabe am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi (mit anderen Worten das „allgemeine Priestertum“ aller Getauften); die Ausübung der Sendung, und zwar in Kirche und (!) Welt. Durch das bewusste und wörtliche Zitat aus LG macht die Bischofsversammlung einmal mehr deutlich, dass sie sich auf dem Fundament des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Volk-Gottes-Ekklesiologie befindet. Gerade dieser Begriff „Volk Gottes“ ist im Dokument von Aparecida allerdings nicht immer eindeutig; zum Teil wird konzilsgemäß vom „Volk Gottes“ (span. „Pueblo de Dios“, mit Großbuchstaben) als der ganzen Kirche gesprochen, mitunter aber auch vom „Gottesvolk“ (span. „pueblo de Dios“, mit Kleinbuchstaben) im Gegensatz zum Klerus. Dann sind offenbar nur die Laien gemeint (so z.B. Nr. 282), sozusagen als „Fußvolk Gottes“. In Nr. 7 wird das „Volk Gottes“ sogar der Kirche geradezu gegenüber gestellt, wenn es darum geht, dass die Kirche den Glauben des Volkes Gottes bewahren und nähren solle. Der Wortgebrauch des Schlüsselbegriffes „Volk Gottes“ ist also von Ambiguität geprägt: Handelt es sich um die ganze Kirche, die sich – gegliedert in unterschiedliche Stände, Dienste und Lebensformen – als wanderndes Volk Gottes versteht? Oder ist es doch eher das „einfache Volk“ – die „Herde“ im Kontrast zu den „Hirten“? Dann wären die Kleriker nicht Teil des oder gar praktisch ausgeschlossen aus dem Volk Gottes, da sie ihm ja gegenüber stehen[5].
Aber lesen wir weiter im Dokument; immer noch in demselben Abschnitt wird nach dem Konzil nun die Bischofsversammlung von Puebla zitiert mit der Umschreibung: Männer und Frauen im Laienstand
sind „Menschen der Kirche im Herzen der Welt und Menschen der Welt im Herzen der Kirche“. (Nr. 209)
Hier wird etwas Wichtiges deutlich: „Kirche“ und „Welt“ sind zwei Größen, die einander gegenüber gestellt oder zumindest als zwei Pole in Kontrast gesetzt werden. Laiinnen und Laien haben sozusagen eine doppelte Identität, da sie zu beiden Körperschaften gehören und so jeweils das eine im anderen repräsentieren können. Das ist ein faszinierendes, aber durch den ihm inhärenten Dualismus auch schwieriges Modell, wie wir im Folgenden noch sehen werden.
3. Was ist der Auftrag der Laien?
Wenn wir von dieser Definition in der Nr. 209 aus nun weiter lesen, so werden in den beiden folgenden Abschnitten (Nr. 210-211) beide Seiten, die der Kirche und die der Welt, aufgegriffen und einander gegenübergestellt und jeweils in ihnen die Aufgabe und Sendung der Laien formuliert.
- Nr. 210 konkretisiert die spezifische Sendung in der Welt, nämlich ihre Veränderung und die Schaffung gerechter Strukturen in ihr. Dies geschieht einerseits grundlegend durch das Zeugnis des Lebens; andererseits werden spezielle - und dann doch wieder sehr schlagwortartige - Tätigkeitsfelder genannt wie Politik, Soziales und Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Künste, Liebe, Familie, Kinder- und Jugenderziehung – um nur einige zu nennen.
- Nr. 211 beschreibt dem gegenüber die innerkirchlichen Aufgaben; grundlegend wird ebenfalls das Zeugnis des Lebens erwähnt, aber auch die aktive Mitarbeit bei der Evangelisierung, in der Liturgie und im Apostolat. An dieser Stelle werden auch die Laienämter (span. „ministerios laicales“) genannt und ausdrücklich hoch geschätzt.
- Nr. 212 betont die Notwendigkeit einer soliden und guten Aus- und Fortbildung der Laien für die genannten Aufgaben. Wird damit den Laien ein Recht auf Aus- und Fortbildung zugesagt? Oder handelt es sich vielmehr um eine Mindestanforderung, die wenig gebildete und geschulte Laien von der Mitarbeit und Teilhabe an den Laiendiensten ausschließen könnte[6]?
- Nr. 213 gibt den Laien eine sehr aktive Rolle in der Konzeption und Durchführung der Pastoral, wenn es heißt, dass sie
sich aktiv und kreativ an der Erarbeitung und Ausführung der pastoralen Projekte für die Gemeinden beteiligen (müssen)[7].
Laien sind also nicht Objekte, sondern Subjekte von Kirche und Pastoral!
- Nr. 214 nennt die Bewegungen und Vereinigungen, die CEBs ein „Zeichen der Hoffnung“; allerdings wird auch festgestellt, dass die Prüfung, Ermutigung und Koordination vor allem durch die Nachfolger der Apostel (d.h. die Bischöfe) mithelfen, dass diese Geistesgabe für den Aufbau der Kirche fruchtbar werde. An dieser Stelle finden wir also erneut die Gegenüberstellung von Laien(-bewegungen) und Bischöfen.
- Nr. 215 handelt von der Mitarbeit in Räten, durch die die Gemeinschaft innerhalb der Kirche und die Präsenz in der Welt gefördert werden soll – wieder in dem bereits weiter oben erwähnten Ineinander und doch Gegeneinander von Kirche und Welt! Interessant ist hier der Schlusssatz, der zugleich ja den Abschnitt über die Laien insgesamt beendet: „Der Aufbau der Zivilgesellschaft im weitesten Sinne und der Aufbau der Kirchlichkeit in den Laien sind ein und dieselbe Bewegung“. Hier werden Kirche und Welt, soziales bzw. politisches Handeln und kirchliches Engagement gerade nicht gegenüber gestellt, sondern in gewisser Weise sogar miteinander identifiziert, zumindest als „ein und dieselbe Bewegung“ bezeichnet. Wenn nun beide im gleichen Schwung sozusagen gefördert und konstituiert werden, so könnte man fragen, ob man dann nicht auch für die kirchliche Arbeit Werte und Haltungen wie konstruktive Kritik, Mitbestimmung, Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit notwendig bräuchte? In jedem Falle liegt hier ein Schlüssel dafür begründet, dass sich die Sendung der Laien eben nicht auf den „Weltdienst“ beschränken kann – schon und gerade weil dieser sich vom „Kirchendienst“ gar nicht trennen lässt.
Einige wichtige Textstellen außerhalb des zentralen Abschnittes 5.3.4. seien zumindest noch kurz erwähnt; meist unterstützen und unterstreichen sie das bereits Gesagte.
- Noch in der Bestandsaufnahme, gewissermaßen dem „Bericht zur Lage der Kirche“ (Nr. 99c), finden wir eine ausdrückliche Anerkennung der vielfältigen Laienämter (span. „ministerios“) und pastoralen Dienste.
- Laien sollen sich mitverantwortlich fühlen, unterschiedliche missionarische Dienste übernehmen und Phantasie einsetzen (Nr. 202).
- Die hohe Bedeutung der Aus- und Fortbildung kommt auch in Zusammenhang mit dem Thema „Diözesanes Pastoralprojekt“ zur Sprache (Nr. 371); hier wie auch an anderen Stellen wird ebenfalls die Partizipation der Laien bei Entscheidungsprozessen angemahnt.
- Als „Jünger und Missionare im öffentlichen Leben“ wird die Funktion der Laien (Nr. 505) mit der Metapher des Sauerteigs[8] Sie sollen an der Transformation der Wirklichkeit und am Aufbau einer anderen, besseren Welt mitarbeiten. Hier findet sich auch ein Hinweis auf die kirchliche Soziallehre, die zu diesem Thema ja durchaus Wichtiges beizutragen hat.
Allerdings gibt es bei genauerem Hinsehen auch signifikante „Leerstellen“ im Dokument. So wird die „Transformation der Welt“ nur sehr allgemein gefordert, konkrete Schritte zu gerechteren Strukturen werden nicht erwähnt: Wie soll das gehen? Ein Engagement im partei-politischen und gewerkschaftlichen Bereich, das ja sicher dazu gehört hätte, wird beispielsweise nirgends erwähnt[9]. In Zusammenhang damit fehlt auch eine kritische Stellungnahme zu den nominell „katholischen“ Politikern und Machthabern, die zwar öffentlich die Messe besuchen, aber durchaus keine christliche Politik machen. Auch zu den neuen „Volksparteien“ und Bewegungen, z.B. in Bolivien und Venezuela, sucht man vergeblich eine konstruktive Äußerung.
Deutlich wird darin auch, dass vor allem der ganze große Bereich der diakonischen Dienste und Tätigkeiten ekklesiologisch viel tiefer integriert werden müsste. Im Bereich der Erziehung, der medizinischen Versorgung und Pflege, der Sozialarbeit und der Sozialpastoral arbeiten – hauptberuflich und ehrenamtlich – unzählige Männer und Frauen aus dem Laienstand, viele von ihnen auch in Leitungsverantwortung, in der Planung, Vernetzung und Organisation von Projekten. Hier sind die Laien stark! Dennoch es fehlt dem Dokument von Aparecida weitgehend eine theologische Integration dieser Laienaktivitäten in die Ekklesiologie: Gerade im Dienst an den Armen konstituiert sich die Kirche.
Und trotz eines gelegentlichen Bemühens um eine inklusive Sprache bleibt ebenfalls anzumahnen: Laien sind nicht geschlechtsneutral. Laien sind immer Männer oder Frauen, mit ihrer jeweils eigenen Perspektive auf die Wirklichkeit, mit unterschiedlichen Körpererfahrungen, mit durchaus verschiedenen Rollen und gesellschaftlichen Bewertungen, mit Macht- und Ohnmachtserfahrungen… auch und gerade innerhalb der Kirche[10]. Unter die große Gruppe der Laien werden nicht nur Männer und Frauen subsumiert, sondern auch in anderer Hinsicht sehr unterschiedliche Gruppen und Personen aus unterschiedlichen Kontexten und Lebenswelten. „Laie sein“ ist etwas anderes als AfroamerikanerIn, Indígena oder Nachkomme deutscher Einwanderer, ist anders am Rand einer Großstadt als in einem kleinen Weiler in den Hochanden. Diese und andere Differenzierungen sind – vielleicht bedingt durch die schwierige Aufgabe, ein Dokument für den ganzen Kontinent zu verfassen – für die Bischöfe offenbar nicht ausreichend im Blick gewesen.
4. Was ist der Auftrag an die „Hirten“?
Wie wir bereits gesehen haben, werden in einigen Passagen des Dokumentes dem „Volk Gottes“ die „Hirten“ gegenübergestellt; sie sollen ihre (!) Herde begleiten, ermutigen, fördern – aber auch über ihren rechten Glauben und ihre Verbundenheit mit der Weltkirche wachen und korrigierend eingreifen. Mitunter gewinnt man den Eindruck, bei den Laien handle es sich, wenn schon nicht um Schafe, so doch um unmündige, kleine Kinder[11]. Dennoch treffen wir auf recht überraschende Aussagen der Bischofsvollversammlung, was die Aufgabe und Verantwortung der Hirten betrifft.
So lesen wir, die Hirten sollten bereit sein,
den Laien Räume der Mitwirkung zu öffnen sowie Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu übertragen (Nr. 211).
Es handelt sich also nicht nur um Partizipation der Laien, sondern auch um die Delegation von Aufgaben in ihre eigene Verantwortung. Für die oben bereits erwähnte aktive und kreative Beteiligung an der Konzeption und Durchführung von Pastoralprojekten sehen die Bischöfe die Notwendigkeit zu einem Mentalitätswandel in ihren Reihen:
Seitens der Hirten bedarf es dazu einer größeren geistigen Offenheit[12], damit sie verstehen und akzeptieren können, was die Laien, die durch ihre Taufe und Firmung Jünger und Missionare Jesu Christi sind, in der Kirche sind und tun. Anders gesagt, der Laie muss im Geist der Gemeinschaft und Partizipation sehr geachtet werden. (Nr. 213)
Diese Anforderung an sich selbst lässt ein gewisses Maß an Selbstkritik durchscheinen. Die Bischöfe (und auch die Priester und Diakone) stehen vor der theologischen und ekklesialen Herausforderung, die durch die Initiationssakramente grundgelegte Sendung und Berufung der Laien zu erkennen, zu verstehen, zu akzeptieren und zu achten.
Diese hohe Wertschätzung und Akzeptanz schließt aber für die Bischofsversammlung gewisse Kontroll- und Regulierungsfunktionen ihrerseits mit ein, wie wir bereits gesehen haben. In einer gewissen Spannung werden hier Volk und Hirten doch wieder gegenüber- und übereinander gestellt, wenn vor allem in Hinblick auf die Laienbewegungen
eine angemessene Prüfung, Ermutigung, Koordination und pastorale Anleitung insbesondere durch die Nachfolger der Apostel (Nr. 215)
gefordert wird. Immerhin ist das ausdrückliche Ziel dieser Hirtenaufgaben ein ekklesiales, nämlich das „Geschenk“ der Laienbewegungen für den Aufbau der Kirche fruchtbar zu machen. Die „Gemeinschaft mit dem Bischof“ (so Nr. 179 bzgl. der CEBs), mit anderen Worten: die Ein- und Unterordnung in die amtskirchliche Hierarchie, bleibt aber ein immer wieder eingeschärftes Kriterium und letztlich die Grenze der Eigenständigkeit und Verantwortung der Laien in ihrer Sendung. Es bleibt die Frage, ob für diese zweifellos notwendige Aufgabe der Koordination und Regulation kirchlicher Institutionen nicht andere als hierarchisch-autoritäre Mechanismen zu denken wären.
5. Ausblick
Gerade hinsichtlich der „Laienfrage“ stoßen wir auf eine grundsätzliche Problematik: Die Matrix des Dokumentes ist eine Realität, in der sich „Kirche“ und „Welt“ gegenüberstehen, gewissermaßen als zwei zwar miteinander interagierende, aber letztlich doch getrennte, teils dualistisch gewertete Größen. In diesem Schema kann dann „die Kirche“ Weisungen und Richtlinien vor allem ethisch-moralischer Art für „die Gesellschaft“ geben. Und die Laien sind Wandernde zwischen den Welten, die die Verbindung beider Wirklichkeiten herstellen, vor allem aber die „Welt“ verändern und missionieren.
Diese Denkweise wird aber weder der Realität gerecht, in der die Kirche Teil der pluralen Gesellschaft und „Welt“ ist und sich nicht außerhalb dieser Wirklichkeit positionieren kann, noch der Ekklesiologie des Konzils. Miguel Miranda vertritt die These, dass eine solche Absetzung der Kirche von der Welt geradezu dem Prinzip der Inkarnation zuwider laufe[13].
Im Grunde existiert längst ein tatsächlicher Pluralismus und Polyzentrismus der Kirche auch in Lateinamerika: In ihrer ganz alltäglichen Lebenswirklichkeit ist die Kirche pluraler, ökumenischer und viel mehr Kirche der Laien, als man es vermutet.
- Die Kirche ist pluraler: Die Bischofsversammlung erkennt und berücksichtigt zwar die diachrone Kontextualität - heute ist es anders als in der Urkirche! Es fehlt aber noch die Wahrnehmung, Anerkennung und Reflexion der vielen anderen Kontextualitäen: der geographischen, kulturellen, ethnischen Verschiedenheiten auch und gerade des lateinamerikanischen Kontinentes. Daher besitzt letztlich jeder und jede Getaufte eine kontextuelle, individuelle und konkrete Berufung: Jede getaufte Person ist anders Missionar, Missionarin, in ihrem jeweiligen Kontext. Viele Laien und Basisbewegungen suchen und finden in ihrem Umfeld überraschende „Missionsmethoden“ für eine Wirklichkeit, die auch sie selbst manchmal überrascht.
- Die Kirche ist ökumenischer: An der Basis der Gemeinden, an den Rändern der Städte und zunehmend auch in den kleinen dörflichen Gemeinschaften ist die Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens (vgl. GS 22 und 52) längst selbstverständlich und alltäglich. Für die Umgestaltung der Wirklichkeit im Geiste des Evangeliums, für die Schaffung einer menschlicheren und gerechteren Welt, ist die Zusammenarbeit mit oder das Engagement in Parteien, Gewerkschaften und Volksbewegungen unerlässlich, wenn auch nicht spannungsfrei. In dieser gemeinsamen Anstrengung für eine neue Welt wächst die geistliche Gemeinschaft stets und immer wieder neu über die sichtbare Versammlung hinaus (LG 8).
- Die Kirche ist die Kirche der Laien: Denn sie konstituiert sich nicht hierarchisch von oben, sondern von Christus her durch die vielen einzelnen persönlichen, sehr unterschiedlichen Berufungen, die an alle ihre Glieder in Taufe und Firmung ergangen sind. Wenn auch die mediale Repräsentation und öffentliche Wahrnehmung der Kirche sich oft auf die (auch kritische) Darstellung von Papst und Bischöfen beschränkt, so sind doch nicht sie allein die Kirche.
Und letztlich geht es um das Ziel, das die Bischofsversammlung in Aparecida als Titel und Leitwort für sich und für die gesamte Kirche des Kontinents formuliert hat: „Damit unsere Völker (in Ihm) das Leben haben[14]“! Die Aufgabe der Kirche ist nicht sie selbst, die Wahrung und Mehrung ihrer Besitzstände oder Mitglieder – sondern der Dienst an den Völkern, das heißt an allen Menschen. Gegen eine immer noch ekklesiozentrische und selbstreferentielle Perspektive[15] könnten die Laien ihrer Kirche dazu helfen, ihren eigentlichen Referenzpunkt wieder zu finden, nämlich die armen und marginalisierten Menschen innerhalb und außerhalb ihrer sichtbaren Grenzen.
Das Schlussdokument der Bischofsversammlung von Aparecida ist wegweisend, es öffnet Türen[16] und zeigt neue Wege; aber es ist nicht frei von allzu traditionellen Sichtweisen und einer gewissen Ambiguität, gerade was die Rolle der Männer und Frauen aus dem Laienstand betrifft. Man darf gespannt sein auf die Rezeption und Umsetzung des Dokumentes in den kommenden Jahren; letztlich wird die Rolle der Laien und ihre Veränderungen in der Wirklichkeit buchstabiert werden müssen, immer wieder neu – von uns allen. Das Schlussdokument von Aparecida gibt uns aber auf diesen Weg die Erkenntnis mit: Ohne die Laien geht es nicht!
Zusammenfassende Thesen
Das Laie-Sein ist ein theologischer Ort und eine besondere Berufung, in der Kirche und in der Welt. Dabei ist darauf zu achten, dass „Kirche“ und „Welt“ sich nicht als zwei Wirklichkeiten gegenüber stehen, sondern dass Kirche in der Welt und ganz und gar ein Teil von ihr ist (GS). Das gemeinsame Kirche-Sein begründet sich sakramental in Taufe und Firmung; es bedeutet nicht Selbstzweck, sondern Sendung. Notwendige Dienste und Aufgaben – wie auch die Unterscheidung der Geister und die kritische Begleitung – sind Aufgaben des gesamten Gottesvolkes.
Kompetenzen und Ressourcen von LaiInnen werden oft noch zu Unrecht als Bedrohung angesehen und daher behindert und beschnitten. Hier ist eine geistige Öffnung und Änderung der Einstellung notwendig! Echte Partizipation bedeutet, die Kompetenzen der Anderen wahrzunehmen, wertzuschätzen und produktiv zum Zuge kommen zu lassen. Dazu gehört auch ein gutes Maß an Eigenverantwortung/Autonomie.
Wir brauchen eine Re-Integration der diakonischen Dimension in das kirchliche Leben. Die Befreiungstheologie nannte dies die „Option für die Armen“. Diese sind ebenfalls ein (herausragender) theologischer Ort und der Ort, an dem zuerst Kirche sich ereignet. In diesen diakonischen (und politischen) Arbeitsfeldern kommen Laien schon jetzt mit ihren Ressourcen und Kompetenzen stark zum Tragen. Die erwähnte „legitime Autonomie“ (GS 36) in den weltlichen Dingen ist hier weitgehend verwirklicht. Wachsen muss noch das Bewusstsein, dass die in Diakonie und Politik tätigen und verantwortlichen Laien als Kirche handeln und Kirche sind.
Die Kirche ist neu zu verstehen als eine Lerngemeinschaft, die alle Getauften und sogar alle Menschen guten Willens umfasst. Miteinander und voneinander, reziprok und wechselseitig können wir lernen. Das ist die Chance und die Herausforderung weltkirchlicher Ereignisse wie der Bischofsversammlung von Aparecida.
[1] Vgl. i. F.: Miguel Miranda, Aparecida: una mirada desde la expoeriencia cristiana laica latinoamericana, in: Roberto Tomichá (ed.), Y después de Aparecida, ¿qué? Comentarios al Documento de Aparecida, Cochabamba, Verbo Divino 2007, 137-168, bes. 137-149.
[2] Vgl. Stefan Silber, Anerkennung und Autonomie. Das Zusammenspiel von Basis und Hierarchie in den lateinamerikanischen Basisgemeinden, in: Diakonia 38 (2007) 3, 166-172.
[3] José Marins, Las CEBs en su medio siglo de historia, in: Alternativas 14 (2007) 125-148; Markus Büker: Gefälschtes Schlussdokument von Aparecida? in: Neue Wege 101 (2007) 11; Norbert Arntz, Ein gefälschtes Schlussdokument? in: Missionszentrale der Franziskaner (Hg.), Bischofsversammlung Aparecida 2007. Neues Pfingsten oder alte Gleise? Grüne Schriftenreihe „Berichte – Dokumente – Kommentare“ Bd. 102, Bonn: MZF 2007, 49-53.
[4] Stefan Silber, Frohe Botschaft in der andinen Kultur. Inkulturierte Katechisten-Ausbildung in Bolivien, in: Bickpunkt Lateinamerika (2003) 1, 4-5
[5] Die Frage der Verwendung des Begriffs des Gottesvolks im Dokument von Aparecida wird ausführlicher diskutiert und belegt in: Stefan Silber, ¿Fermento de otro mundo posible? Las laicas y los laicos en el documento de Aparecida, in: Alternativas 14 (2007) 32, 149-172.
[6] Vgl. Miranda, op. cit 165.
[7] Im spanischen Text steht hier „han de ser parte…“, was besser mit „müssen beteiligt werden“ übersetzt würde; damit ginge es nicht um die Pflicht zur aktiven Mitarbeit, sondern das Recht auf Partizipation.
[8] Die offizielle deutsche Ausgabe des Dokuments übersetzt „Hefe“; das span. „fermento“ spielt jedoch deutlich auf LG 31 an und ist daher treffender und wortkonkordant mit Sauerteig zu übersetzen.
[9] Christoph Krauss, Gerhard Kruip: In Selbstblockaden verstrickt. Römische Korrekturen am Schlussdokument von Aparecida, in: Herder Korrespondenz 61 (2007) 9, 452
[10] Ivone Gebara, sobre las mujeres des-aparecidas. breve crónica feminista a partir de la V CELAM, in: Alternativas 14 (2007) 34, 185-202.
[11] Miranda, op. cit. 165.
[12] Der spanische Ausdruck „mayor apertura de mentalidad“, der hier im Original steht, zielt stärker als die offizielle deutsche Übersetzung auf eine ganzheitliche Öffnung der Amtsträger gegenüber den Laien ab: Nicht nur geistig, sondern auch spirituell, strukturell, organisatorisch und ekklesiologisch, das heißt von der Gesamteinstellung her sollen sich die Hirten den Laien gegenüber stärker öffnen.
[13] Miranda (op. cit. 164) spricht in diesem Zusammenhang von „esquemas dualistas y desencarnatorios“
[14] Vgl. zur Redaktionsgeschichte dieses Mottos: Eleazar López Hernández, V Conferencia General Del Episcopado Latinoamericano. Aportes Indígenas, in: http://www.sjsocial.org/crt/eleazar.html sowie das Interview mit Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa in ACIdigital: http://www.aciprensa.com/aparecida07/entrevista2.htm
[15] Marcelo Barros: O que aparece e o que se oculta em Aparecida, en: http://www.proconcil.org/document/VCELAM/Aparecida.MBarros.htm.
[16] Jon Sobrino, El padre Arrupe. Un empujón de humanización. Carta a Ignacio Ellacuría, 25.10.2007, in: http://eclesalia.blogia.com/2007/102501-arrupe.php
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