Mittwoch, 8. Oktober 2008

Theologie und Philosophie der Befreiung heute.

Ein Werkstattbericht.

Die Theologie der Befreiung lebt. Weitgehend unbemerkt von der Theologie im deutschen Sprachraum entwickelt sich die Theologie der Befreiung in Lateinamerika auch in der Gegenwart weiter, indem sie neue Antworten auf den Skandal immer verschärfter Armut erarbeitet. Vielfältige Erfahrungen mit dieser erneuerten Theologie tauschten die über fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ersten internationalen Workshops „Theologie und Philosophie der Befreiung heute. Revisionen – Ansätze – Zukunftsperspektiven“ miteinander aus. Diese Werkstatttagung wurde vom 3. bis 5. Oktober 2008 in Mödling bei Wien durch die Katholisch-Theologische Fakultät Wien und die Steyler Missionare St. Gabriel ausgerichtet. Sie war geprägt von einer optimistischen und in die Zukunft gerichteten Atmosphäre, die mit einer Aufbruchsstimmung verglichen werden kann, von vielfältigem Austausch und der Lust am Diskutieren, sowie nicht zuletzt von zahlreichen vergleichsweise jungen Theologinnen und Theologen aus Österreich und Deutschland.

Über zwanzig Referentinnen und Referenten hatten für die Tagung Diskussionsbeiträge vorbereitet, die im Vorfeld des Treffens verschickt und während des Workshops in einem wahren Marathon an Impulsen und Diskussionsrunden bearbeitet wurden. In diesen Vorträgen zeigte sich das plurale Gesicht der gegenwärtigen Theologie der Befreiung, vor allem Lateinamerikas, aber auch Europas und Asiens. Sie spiegelten die Vielschichtigkeit und Lebendigkeit dieser oftmals totgesagten Theologie, legitimiert nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Kontakte der meisten Referentinnen und Referenten in zahlreiche Länder Lateinamerikas und den Rest der Welt. Anders als vielleicht manche vor Beginn der Tagung erwartet hatten, widmete man sich nicht einer verklärten Schau in die Vergangenheit, sondern der Analyse gegenwärtiger theologischer, sozialer und kultureller Prozesse sowie der Herausforderung einer Kontextualisierung der Befreiungstheologie in Europa. So erklärte der Wiener Moraltheologe Gunter Prüller-Jagenteufel, einer der Initiatoren der Tagung, auch die europäische Theologie müsse sich den ökonomischen und politischen Herausforderungen der Zeit stellen, etwa bei Fragen der Migration und Armut in Europa.

Im Spektrum der Diskussionsbeiträge finden sich Auseinandersetzungen mit aktuellen Fragen der lateinamerikanischen Theologie, wie die Themen Exklusion, Globalisierung, Mission, „menschlicher Abfall“ und Pluralismus, in der Auseinandersetzung mit europäischen Fragen wie neuer Armut, Immigration und der Frage nach der Rezeption der Theologie der Befreiung. Neben protestantischen Perspektiven fanden sich Beiträge zur katholischen Aktualität wie zur Enzyklika Spe Salvi und zur Notifikation gegen die Christologie Jon Sobrinos. Auch ein direkter Bericht von dem kontinentalen Treffen der lateinamerikanischen Basisgemeinden, das noch im Juli in Bolivien stattgefunden hatte, fehlte nicht. Trotz der Vielfalt der Themen und der Kürze der Zeit wurden viele Fragen ernsthaft und in differenzierter Weise diskutiert.

Dieser Workshop, der insbesondere von der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien angestoßen worden war, machte in eindrucksvoller Weise darauf aufmerksam, dass die Theologie der Befreiung nicht nur in Lateinamerika immer noch lebendig und aktuell ist, sondern auch im deutschen Sprachraum. Es wurde deutlich, dass in zahlreichen Kontexten, sowohl an den Universitäten als auch in der akademischen Bildung, bei Hilfswerken sowie in verschiedenen Bereichen der europäischen Caritasverbände, Menschen, die von der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung inspiriert sind, auf je eigene Weise daran arbeiten, mit dem Instrumentar der Befreiungstheologie Antworten für die Herausforderungen der europäischen Gesellschaften zu entwickeln. Eine weitere und tiefer greifende Kontextualisierung der Theologie der Befreiung in Europa war denn auch eines der während der Tagung am häufigsten gehörten Desiderate. Für die Zukunft wird daher auch eine weitere Vernetzung vor allem im deutschsprachigen Raum angestrebt, besonders in die Schweiz (aus der schon Grüße an die Tagung ergangen waren) und in den noch unterrepräsentierten protestantischen Raum, aber auch in Richtung der osteuropäischen Staaten.

Für den Herbst 2009 wird eine Nachfolgeveranstaltung zu dieser Werkstatttagung geplant. Sie soll wieder in Mödling stattfinden. Die Beiträge des diesjährigen Workshops werden in einem Sammelband publiziert.

Dr. Stefan Silber