Papy Rossa Verlag, Köln 2008 ISBN 3894383941 Paperback, 162 Seiten, 12,90 EUR
Ist jeder Mensch, der die Besatzungspolitik der derzeitigen Regierung des Staates Israel kritisiert, ein Antisemit?
Diese provozierende Frage durchzieht die Streitschrift des Lübecker Psychologen Rolf Verleger. Dieses Buch ist jedoch mehr als eine Streitschrift: Es erlaubt auch Einblicke in das Innenleben der jüdischen Gemeinde in Deutschland 60 Jahre nach der Gründung des Staates Israel. Verleger zeigt an der Auseinandersetzung um seine Positionen (die sich gelegentlich zu einem Konflikt um seine Person entwickelt), wie schwer es für Deutsche ist, Israel in kritischer Solidarität zu begleiten, auch und gerade auch für jüdische Deutsche. Angesichts des israelischen Einmarsches in den Libanon 2006 schrieb Verleger, der Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland ist, einen Brief an die Präsidentin und die anderen Mitglieder des Direktoriums, gab ihn später an die Presse weiter und löste so eine breite öffentliche Diskussion um die Frage aus: „Ist man ein umso besserer Jude, je entschiedener man für Israels Gewaltpolitik eintritt?“ (78) Dieser Brief, die nachfolgende Auseinandersetzung und die Dokumentation des Versuchs, über die Berliner Erklärung „Schalom 5767“ (siehe www.schalom5767.de) zu einer kritischen Politik Deutschlands gegenüber der israelischen Besatzung zu gelangen, stehen im Mittelpunkt seines Buches. Es spannt jedoch einen Bogen über die autobiografischen und historischen Hintergründe bis zu psychologischen, soziokulturellen und theologischen Fragen des deutschen und israelischen Judentums der Gegenwart. Verleger fragt darin vor allem nach der jüdischen Identität angesichts eines jüdischen Säkularismus, der sich darin ausdrückt, dass die Mehrheit der Juden in der Gegenwart sich nicht mehr an die „613 Aufträge“ (79), also die Gebote und Verbote der Tora, gebunden fühlen. Was sonst charakterisiert sie als Juden? Verleger analysiert im Wesentlichen zwei verschiedene Versuche des gegenwärtigen Judentums, die seiner Meinung nach in die Irre führen. Zum einen der Nationalismus bzgl. des Staates Israel: Alle Juden müssen den Staat Israel unterstützen. Verleger zeigt jedoch, dass ähnlich allen anderen europäischen Nationalismen des 19. Jahrhunderts auch der Zionismus zu Selbstüberschätzung und zur Abwertung und Entwertung anderer führen kann: „Übersteigerter Nationalismus hat schon andere Länder in den Abgrund geführt.“ (84) Auch der zweite von Verleger kritisierte Versuch zur Konstruktion jüdischer Identität ist zum Scheitern verurteilt: Judentum als „Anti-Antisemitismus“ (87-94). Wer den Schutz vor den Feinden zum Wesen des Judentums erklärt, muss ständig neue Feinde suchen. Wer sich auf den Judenhass als Problem konzentriert, übersieht, dass dieser nur eine Spielart des Fremdenhasses ist, der heute andere Menschen trifft: Für Verleger handelt es sich etwa beim „Hass gegen den Islam um den gleichen Fremdenhass […] wie beim Judentum“ (93). Stattdessen schlägt Verleger eine Rückkehr zu einer traditionellen Definition des Judentums zu. Im Rückgriff auf den Religionsgelehrten Hillel fasst er das Judentum in den Satz: „Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an! […] Das ist die ganze Tora, der Rest ist Erläuterung. Geh und lerne“ (37f). In diesem Satz ist für ihn die Identität des Judentums auch ohne das Halten der 613 Aufträge ausgedrückt. Von diesem Satz her, dessen Anklänge an die christliche Nächstenliebe Verleger bewusst sind, möchte er die gesamte Politik Israels gegenüber seinen Nachbarstaaten und den Palästinensern korrigiert wissen. Denn auf dieser Grundlage könnten Araber und Palästinenser als „Menschen wie wir“ (140) mit denselben Menschenrechten, die auch für sie gelten, erkannt werden. Die Politik Israels müsste sich dann nicht nur am legitimen Sicherheitsbedürfnis dieses Staates und seiner Bürger ausrichten, sondern auch an den Menschenrechten und dem Sicherheitsbedürfnis der Palästinenser. Verlegers Buch ist das Dokument einer offenen Diskussion innerhalb des deutschen Judentums und innerhalb der gesamten Gesellschaft. Die Verantwortung der Nachkommen der Täter und der Opfer des deutschen Völkermordes an den Juden für den Staat Israel muss sich auch dem Unrecht stellen, das von diesem Staat anderen Menschen angetan wird. „Haben Opfer das Recht, Unrecht zu tun?“ (159) ist daher die abschließende, weitere Diskussionen provozierende Frage Verlegers.
Veröffentlicht in: Stimmen der Zeit 134 (2009) 1, 71-72
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