Montag, 23. Februar 2009

Rezension: Schreijäck, Thomas (Hg.): Stationen eines Exodus

Schreijäck, Thomas (Hg.): Stationen eines Exodus. 35 Jahre Theologie der Befreiung in Lateinamerika. Lernprozesse – Herausforderungen – Impulse für die Weltkirche, Grünewald-Verlag / Mainz 2007, 253 S.


Wer meint, die Theologie der Befreiung habe ihren Zenit überschritten, und nach der Phase der Publikation von Standardwerken und kritischen Würdigungen sei nun bereits die Zeit der Jubiläumsbände und Festschriften eingeläutet, wird vom Inhalt dieses Bandes eines Besseren belehrt, auch wenn der Titel den Hinweis auf ein 35-jähriges Jubiläum enthält. Diese 35 Jahre beziehen sich auf die Bischofsversammlung von Medellín und ein Forschungssymposion, das 2003/04 an der Universität Frankfurt/M. stattgefunden hatte. Dieses Symposium, sowie weitere in diesem Zusammenhang in Frankfurt gehörte Vorträge werden in diesem Buch dokumentiert. Die verschiedenen Beiträge machen deutlich, dass die Theologie der Befreiung auch im vierten Jahrzehnt ihrer wissenschaftlichen Erörterung eine lebendige, vielfältige, aktuelle und zukunftsweisende Theologie ist.
Nicht eine verklärte Rückschau auf eine Zeit der Aufbruchsstimmung in der katholischen Kirche in Lateinamerika und noch weniger eine rein historisch interessierte Aufarbeitung der Geschehnisse um die II. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopates wird der Leserin und dem Leser des Buches geboten. Auch steht nicht die Geschichte der Theologie der Befreiung – wie man vielleicht aufgrund des Titels vermuten könnte – im Vordergrund. Vielmehr setzen sich die meisten Autoren und die Autorin mit den aktuellen Herausforderungen an Theologie und Kirche in Lateinamerika auseinander und nutzen den Rückblick auf Medellín allenfalls dazu, auch in der Gegenwart nicht den richtigen Weg zu verfehlen.
Nach einer exzellenten theologischen Einführung von Kardinal Aloísio LORSCHEITER beschreibt François HOUTARD die Bedingungen und Einflüsse, die historisch auf die Versammlung von Medellín wirkten. José Oscar BEOZZO beschreibt die Rezeptionsgeschichte von Medellín bis in die jüngste Vergangenheit. Zu den schwächeren Beiträgen des Bandes zählen die beiden folgenden von Gustavo GUTIÉRREZ, der inhaltlich von seinen früher deutlicher formulierten Positionen hinsichtlich der Option für die Armen abrückt, und Víctor CODINA, dessen Aufsatz sich als Dokument einer theologisch verklärten Resignation liest. Diego IRARRÁZAVAL hingegen zeigt in brillanter Weise auf, wie die Theologie der Befreiung sich angesichts der Herausforderungen der Kulturen und Religionen der lateinamerikanischen Urbevölkerung gegenwärtig weiterentwickelt. Auch die Reflexionen von Orlando ESPÍN über die Herausforderung der Popularreligionen weisen in die Zukunft. Javier IGÍÑIZ versucht sich an einem Vergleich der Theologie von Gutiérrez mit der Wirtschaftsphilosophie von Amartya Sen aus Indien. Die Basisgemeinden werden von Ronaldo MUÑOZ in ihrer ekklesiologischen Bedeutung gewürdigt, und von Miguel FRITZ exemplarisch anhand ihrer konkreten Funktion in der Gesundheitsförderung dargestellt. Ricardo SALAS zeigt aktuelle Entwicklung in der befreiungstheologischen Ethik auf, vor allem in ihrer Relevanz für Frieden und Gerechtigkeit. Positiv hervorzuheben ist besonders der Beitrag der einzigen Autorin des Bandes, Graciela Chamorro, über die indigenen Theologien des Kontinentes. Sie stellt nicht nur diese Bewegung in anschaulicher Weise dar, sondern zeigt auch ihre Beziehungen zu ökofeministischen theologischen Diskursen auf, die in Lateinamerika gegenwärtig großen Einfluss gewinnen. Abschließend beschreibt Paulo SUESS noch einmal die Bedeutung der Beschlüsse von Medellín für die Herausforderungen der Gegenwart in Kirche und Gesellschaft Lateinamerikas. Thomas SCHREIJÄCK führt schließlich in einem umfangreichen Anhang Dokumente, Textsammlungen und Zeitschriften zu und aus Lateinamerika auf, die für die wissenschaftliche Fundierung der erörterten Themen hilfreich sind.
Bei aller anerkennenswerten Breite des Themenspektrums weist der Band doch einige bedauerliche inhaltliche Lücken auf. So werden die Themenbereiche der afroamerikanischen Kulturen und Religionen, der feministischen Befreiungstheologie, der Ökumene, des interreligiösen Dialogs, der biblischen Hermeneutik und der theologischen Kritik an Imperialismus und neoliberaler Ökonomie, die alle in der gegenwärtigen Theologie der Befreiung von großer Bedeutung sind, nur gestreift oder gar ganz vernachlässigt. Das ist schade, denn so wurde die Chance vertan, die Befreiungstheologie nicht nur als etwas darzustellen, das „auch nach fünfunddreißig Jahren noch“ existiert, sondern ihre vielfältige und umfassende Aktualität zu demonstrieren. Auch fehlt dem Band ein einführender oder zusammenfassender Artikel aus europäischer Sicht, welcher die einzelnen Perspektiven in das Gesamt des befreiungstheologischen Spektrums einordnen und theologisch bewerten würde.
Zu kritisieren sind allerdings auch erhebliche Lektorats- und Übersetzungsfehler: So sind zahlreiche unerklärliche Fragezeichen, wohl aus der Phase der Übersetzungsarbeit, im Text stehen geblieben (S. 95 u.ö.). Im Literaturverzeichnis S. 197 wurde ein Titel von E. Dussel falsch angegeben. S. 41 werden „Mönche und Nonnen“ genannt, während sicher allgemein „Ordensleute“ gemeint sind. Auch an sehr vielen anderen Stellen klingt die Übersetzung holprig, unsicher im theologischen Sprachspiel oder sachlich falsch informiert. Das ist schade, denn insgesamt wird die Lust am Weiterlesen durch diese Unzulänglichkeiten doch erheblich getrübt.
Es sollte sich jedoch deswegen niemand von der Lektüre dieses Buches abhalten lassen. Denn es kann einen Einblick in die Lebendigkeit und Vielfalt der theologischen Entwicklungen in Lateinamerika vermitteln, der auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gegenwärtig eher rar geworden ist. Gerade im Rückblick auf die vergangenen vier Jahrzehnte zeigt sich, dass es in Lateinamerika immer noch eine pulsierende Theologie gibt, die sich der aktuellen Herausforderungen und drängenden Fragen annimmt und sie mit einem neuen Selbstbewusstsein und mit weiterentwickelten theologischen Methoden bearbeitet. Wer sich mit den aktuellen Fortschritten in der Theologie der Befreiung auseinandersetzen will und die Lektüre der Originalsprachen scheut, dem oder der sei dieses Buch trotz der genannten Mängel wärmstens empfohlen.

Veröffentlicht in: in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 92 (2008) 3-4, 446-447