Mittwoch, 17. Juni 2009

Rezension: Sechzig Jahre Israel

Moshe Zuckermann: Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, Bonn: Pahl-Rugenstein Verlag 2009, 166 S. ISBN 978-3-89144-413-9, 16,90 Euro

Nicht nur der sechzigste Jahrestag der israelischen Staatsgründung 2008, sondern auch der Krieg gegen Gaza zum Jahreswechsel 08/09 und die Auseinandersetzungen um den Antisemitismus der Piusbruderschaft sind Anlässe, um sich gegenwärtig mit diesem Buch von Moshe Zuckermann zu befassen. Der israelische Geisteswissenschaftler, der zwischen 1960 und 1970 in Frankfurt/Main lebte, übt eine wichtige Brückenfunktion zwischen der israelischen und der deutschen Gesellschaft aus, da er beide von ihren Schattenseiten her beleuchtet. Im vorliegenden Buch setzt er sich vor allem aus einer Innenperspektive mit der israelischen Seite dieses spannungsreichen Verhältnisses auseinander.
In einer Reihe lose aufeinander folgender Essays charakterisiert Zuckermann den Zustand der israelischen Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven: politische, historische und ideologische Fragen stehen zwar immer im Vordergrund, ihre Beziehungen zu ethnischen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Fragen werden jedoch ebenfalls fundiert aufgezeigt. Er verweist auf innere und äußere Widersprüche in der Entwicklung der staatstragenden zionistischen Ideologie und verweist auf die ausweglosen und teils tödlichen Konsequenzen dieser Entwicklung.
Vor allem stellt Zuckermann immer wieder das gegenwärtige Grunddilemma israelischer Politik heraus: Gibt sie die 1967 besetzten Gebiete auf, so kann das nur gegen den zu erwartenden gewaltsamen Widerstand der Siedler geschehen. Werden diese Gebiete endgültig annektiert, verliert die jüdische Bevölkerung die demographische Mehrheit. In beiden Fällen sieht Zuckermann das zionistische Projekt des Judenstaats an sein Ende gekommen.
Ein Lösungsvorschlag wird in diesem Buch nicht aufgezeigt. Auch fehlt eine Analyse der dritten Möglichkeit, die gegenwärtige Politik der Besatzung ohne Annexion und ohne palästinensische Autonomie einfach gewaltsam fortzusetzen. Eine Friedensperspektive wird so nicht sichtbar; zu sehr stehen die Ausweglosigkeiten des zionistischen Projekts im Mittelpunkt dieser Analyse.
Wer sich von einem unnötig geschraubten Stil und zahlreichen Lektoratsfehlern nicht von der Lektüre dieses Buches abhalten lässt, begleitet einen kritischen israelischen Bürger bei seiner Sicht auf die Realität seines Landes und dessen Rolle im Nahen Osten. Es wird deutlich, dass es beim Israel/Palästina-Problem nicht um ein „für oder gegen Israel“ geht, sondern um eine komplexe und historisch vielfältig belastete Suche nach einem gerechten und menschenwürdigen Frieden für alle Menschen der Region.