Freitag, 3. Juli 2009

Alltagsexegesen.

Erträge aus einem Forschungsprojekt zum Bibelverständnis vor Exegese und Erwachsenenbildung.

Christian Schramm: Alltagsexegesen.
Sinnkonstruktion und Textverstehen in alltäglichen Kontexten (Stuttgarter Biblische Beiträge 61), Stuttgart: Katholisches Bibelwerk 2008, 544 S., ISBN: 978-3460006119, EUR 52,00

Martin Ebner, Karl Gabriel in Verbindung mit Johanna Erzberger, Helmut Geller und Christian Schramm: Bibel im Spiegel sozialer Milieus.
Eine Untersuchung zu Bibelkenntnis und -verständnis in Deutschland (Forum Religion & Sozialkultur - Abt. A: Religions- und Kirchensoziologische Texte, Bd. 16), Münster u.a.: Lit-Verlag 2008, 504 S, ISBN: 978-3825812522, EUR 39,90

Die bekannte Frage an den bibellesenden äthiopischen Hofbeamten „Verstehst du auch, was du liest?“ (Apg 8,30) wurde in einer an der Universität Münster durchgeführten und von der DFG geförderten Untersuchungsprojekt umgedreht: „Wie verstehst du, wenn du liest?“ (Schramm 21) Denn allzu lange sind die Exegese (und auch die biblische Erwachsenenbildung) davon ausgegangen, dass es umfangreiches Expertenwissens bedarf, um beim Bibellesen auch etwas zu verstehen. Die Hürden, die damit für potenzielle Leserinnen und Leser aufgebaut wurden, wurden so immer höher, das Verständnis der Bibel allerdings angesichts dieser Hürden nicht größer. Im Gegenteil wurde die Bibel so hoch gehängt, dass sie für die Normalsterblichen nicht nur unerreichbar, sondern auch uninteressant wurde (vgl. Schramm 15).
Die Autoren dieser Untersuchung, (PD Dr. Dr. Helmut Geller, Dipl.-Theol. Johanna Erzberger MA und Dr. Christian Schramm, unter der Leitung von Prof. DDr. Karl Gabriel und Prof. Dr. Martin Ebner) gehen daher einen anderen Weg. Sie setzen voraus, dass bei jeder Bibellektüre Sinn konstruiert und Verstehen gebildet wird. Die Frage ist also nicht, ob die Bibel verstanden wird, sondern wie und was verstanden wird.
Eine umfangreiche qualitative Untersuchung in zwölf verschiedenen Gruppen in Ost- und Westdeutschland bot das Datenmaterial für die Analysen. Die Spannbreite dieser Gruppen und der Milieus, denen sie entstammen, ist bewusst breit gewählt: vom Posaunenchor über eine Klerikerrunde bis zu einer Gewerkschafts- und einer [’solid]-Gruppe. Allen Gruppen wurden dieselben zwei Bibeltexte vorgelegt und das Gespräch über ihr Verständnis der Texte protokolliert: Die Texte sind ein Abschnitt aus den Antithesen der Bergpredigt (Mt 5,38-48) und der Bericht von der Heilung der blutflüssigen Frau (Mk 5,24b-34).

Christian Schramm stellt in seiner Dissertation („Alltagsexegesen. Sinnkonstruktion und Textverstehen in alltäglichen Kontexten“) die Protokolle der Gruppendiskussionen vor und entwirft eine eigene Methodik ihrer Analyse. Es ist spannend zu lesen, in welch unterschiedlicher Weise die verschiedenen Gruppen an die Texte herangehen, sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten, sie de- und rekonstruieren und so selbstverständlich auch zu jeweils anderen Ergebnissen gelangen – unterschiedlichen Sinn konstruieren, die Texte auf verschiedene Weise verstehen. Schramm korreliert diese Pluralität mit dem Pluralismus der verschiedenen wissenschaftlichen Zugänge zu den Texten. Die ein für alle Male „richtige“ Deutung eines biblischen Textes wird auch in der Exegese nicht mehr gesucht.
Lesenswert sind auch Schramms „Vorschläge für eine Sanierung“ nicht nur „der wissenschaftlichen Exegese“ (490-507), sondern auch der Bibelpastoral und damit der biblischen Erwachsenenbildung. Denn nichts fehlt seiner Meinung nach so sehr, wie echte Brückenbauer zwischen wissenschaftlicher und Alltags-Exegese. Und zwar müssten Brücken gebaut werden, die in beide Richtungen begehbar sind. Hier ist die Erwachsenenbildung unmittelbar gefordert.

In der vom gesamten Forschungsteam verantworteten Studie („Bibel im Spiegel sozialer Milieus. Eine Untersuchung zu Bibelkenntnis und -verständnis in Deutschland“) blickt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auf dasselbe Datenmaterial und stellt stärker die milieuspezifischen Hintergründe alltagsexegetischer Sinnkonstruktion in den Mittelpunkt. Als Grundlage haben sich die AutorInnen leider nicht für das derzeit breit diskutiert Milieumodell der Sinus-Studien entschieden, sondern für das schon etwas ältere Modell von G. Schulze („Erlebnisgesellschaft“). Wer sich aber intensiv mit den Sinus-Milieus auseinandergesetzt hat, wird die Ergebnisse leicht aus dem einen in das andere Modell übertragen können.
Im zweiten und dritten Teil der Studie werden große Teile der Gruppendiskussionen transkribiert und nach bestimmten Gesichtspunkten ausgewertet. Im Unterschied zur Publikation Schramms werden hier größere Transkriptionsblöcke zusammenhängend dargestellt, so dass die Gespräche in den Gruppen nachverfolgt werden können. Nur sehr knapp werden am Ende zusammenfassende und ausblickende Überlegungen vorgetragen.

Die Untersuchung, die in diesen beiden Büchern dokumentiert ist, füllt eine Lücke in der wissenschaftlichen Exegese und macht zugleich eine wichtige Aufgabe für die theologische Erwachsenenbildung deutlich: Bibelpastoral darf nicht als Einbahnstraße konzipiert werden. Wer an die Bibel herangeht, als ob sie ein Buch mit sieben Siegeln sei und daher nur durch einen wissenschaftlich geprüften Experten vorgestellt werden dürfe, wird weder ihr gerecht noch der alltagsexegetischen Kompetenz auch nichtkirchlicher Leserinnen und Leser. Diese tragen vielmehr in entscheidender Weise zu Textverstehen und Sinnkonstruktion im Prozess der Bibellektüre bei. Eine Bibelpastoral, die sich auf diese wechselseitigen Prozesse einlässt, wird zu einer spannenden, aktuellen und lebendigen Begegnung zwischen den Menschen der Bibel und den Menschen von heute.

Weitere Informationen: http://egora.uni-muenster.de/fb2/bibel/aktuelles.shtml
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Forschungsprojekts finden sich auch in: K. Gabriel/M. Ebner/J. Erzberger/H. Geller/C. Schramm, Bibelverständnis und Bibelumgang in sozialen Milieus in Deutschland. Ergebnisse aus einem DFG-Projekt, in: C. Bizer u. a. (Hg.), Bibel und Bibeldidaktik (JRP 23), Neukirchen-Vluyn 2007, 87–103.


Alltagsexegesen. Erträge aus einem Forschungsprojekt zum Bibelverständnis vor Exegese und Erwachsenenbildung, in: Info-Dienst Theologische Erwachsenenbildung 17 (2009) 2, 21-22