Forcano, Benjamín / Lallana, Eduardo / Concepción, José María / Cerezo B. Maximino (eds.): Pedro Casaldáliga. Homenaje de amigos. Las causas que dan sentido a su vida. Retrato de una personalidad. Nueva Utopía / Madrid 2008, 390 S.
Zum achtzigsten Geburtstag von Bischof Pedro CASALDÁLIGA (Prälatur São Felix do Araguaia, Brasilien) haben vier Herausgeber von zwei Kontinenten Beiträge von 24 Autoren und zwei Autorinnen gesammelt, um die Person und die Anliegen dieses Bischofs aus verschiedenen Perspektiven zu würdigen. Diese „Anerkennung von Freunden“ vereinigt dabei „die Anliegen, die seinem Leben Sinn geben“ mit einem „Abbild einer Persönlichkeit“ (so lauten übersetzt die Untertitel dieser Festschrift). Beides, Anliegen und Person, ist für die Auseinandersetzung mit CASALDÁLIGA wichtig und verweist daher aufeinander. Deswegen geht es auch im ersten Teil, der den Anliegen gewidmet ist, um die Person, und auch im zweiten werden immer wieder seine Anliegen transparent. Für CASALDÁLIGA selbst sind seine Anliegen wichtiger als seine Person. Wer dieses Buch liest, wird das auch nachvollziehen können: Nur in seinen Anliegen kann man seine Person wirklich verstehen.
CASALDÁLIGA wird 1928 im katalonischen Balsareny geboren. Bereits als Junge besucht er das Seminar der Claretiner, schließt sich dieser Gemeinschaft an, wird 1952 zum Priester geweiht. Zwei wichtige Ereignisse prägen ihn in dieser Zeit: Drei Jahre arbeitet er in Barbastro, dem Ort, an dem während des Spanischen Bürgerkriegs 51 Claretiner (Priester und Seminaristen) das Martyrium erlitten. Die Erfahrung des Martyriums wird sein Leben ebenso tief prägen wie das Erleben des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Reformbewegungen innerhalb der Ordensgemeinschaft. 1968 kann er endlich seinen lang gehegten Wunsch verwirklichen und reist als Missionar nach Brasilien. Er übernimmt die Leitung der neu eingerichteten Prälatur und wird 1971 zum Bischof geweiht. Von Anfang an prägt die Auseinandersetzung mit Armut, Gewalt und einer schockierenden sozialen Ungerechtigkeit seine pastorale Arbeit. Sein erster Hirtenbrief, „Eine Kirche in Amazonien im Konflikt mit dem Großgrundbesitz und der sozialen Ausgrenzung“ (1971) lässt die Kirche und die Gesellschaft Brasiliens inmitten der Militärdiktatur erbeben. Morddrohungen und Kommunismusvorwurf sind die unmittelbaren Folgen. Als CASALDÁLIGA 1985 ohne Einverständnis des dortigen Episkopates nach Nicaragua reist und 1986 Johannes Paul II in einem kritisch-solidarischen Schreiben erläutert, warum er nicht am Ad-Limina-Besuch der Bischöfe Brasiliens teilnimmt, behält er trotz aller kircheninternen Kritik den Rückhalt der brasilianischen Bischofskonferenz. Über seine Emeritierung 2005 hinaus bleibt CASALDÁLIGA dem Kampf der Armen seiner Prälatur um Land, Menschenrechte und Würde verbunden, wird aber auch zu einem international geachteten Verfechter einer gerechten Weltgesellschaft und einer der Option für die Armen verpflichteten Kirche.
Die vielfältigen Anliegen seines Lebens werden in ausführlichen Beiträgen gewürdigt: Lateinamerika (Miguel D’ESCOTO), Land (João P. STÉDILE), Urbevölkerung (Paulo MALDOS), Schwarze (sic!) (Dom José M. PIRES), Frauen (Ivone GEVARA), Arme (Leonardo BOFF), interreligiöser Dialog (Jos´´é M. VIGIL), Märtyrer (Jon SOBRINO), Kirche (J. Ignacio GONZÁLES F.), Gott (Pedro TRIGO). Mehr noch als die Liste prominenter Autoren beeindruckt die Vielfalt der Anliegen, in denen sich das Leben und die Kämpfe Pedro CASALDÁLIGAS widerspiegeln. Seine Persönlichkeit wird ebenfalls von einer bemerkenswerten Liste von Autoren beleuchtet: Pablo GABRIEL (der Mensch), Teófilo CABESTRERO (der Claretinermissionar), Nicolás CASTELLANOS (der Solidarische), Adolfo PÉREZ ESQUIVEL (der Verteidiger des Anderen), Zofia MARZEC (der Poet), Benjamín FORCANO (der Prophet), Josef GARCÍA C. (der Freund), Maximino CEREZO (Inspiration und Leitbild), Marcelo BARROS (der Mystiker), Pablo Richard (der Theologe), Francesc ESCRIBANO (der Katalane, Lateinamerikaner und Weltbürger), Dom Tomás BALDUINO (der Bischof), Jorge CARVAJAL P. (der Fels). Eine Einführung von Federico MAYOR Z., ein Vorwort von Félix VALENZUELA und ein Epilog von CASALDÁLIGAS Nachfolger als Bischof, Dom Leonardo ULRICH, rahmen die Beiträge ein. Vor allem im ersten Teil (Anliegen) dokumentieren zugeordnete Originaltexte des Jubilars die Art und Weise, wie er in den achtzig Jahren seines Lebens diese Anliegen vertreten hat. Eine Kurzzusammenfassung der wichtigsten Stationen seines Lebens (Z. MARZEC; B. FORCANO), eine Auflistung der erhaltenen Titel und Ehrungen, sowie eine Bibliografie seiner Werke (die auch die deutschen Übersetzungen, sowie Ton- und Videoveröffentlichungen verzeichnet) komplettieren diese multiperspektivische Darstellung eines vielseitigen Menschen.
Am Leben und an den Anliegen CASALDÁLIGAS kann man die Entstehung, die Weiterentwicklung und die aktuelle Situation der Theologie der Befreiung verfolgen. Vor vierzig Jahren kam der vom Reformeifer, der nach dem Konzil auch in der claretinischen Gemeinschaft herrschte, erfüllte und zum Martyrium unter den Indios bereite Missionar nach Brasilien, um angesichts der realen Lebensverhältnisse der Armen, Landarbeiter und Kleinbauern gegen Ungerechtigkeit und Entwürdigung der Menschen zu protestieren. Die Bereitschaft zum Martyrium gab ihm von Anfang an die Kraft, unerschrocken und standhaft gegen die Drohungen der Mächtigen und gegen die wohlmeinenden Ratschläge seiner Mitbrüder die Solidarität mit den Armen und vielfach vom Tod Bedrohten aufrecht zu erhalten. In den verschiedenen Beiträgen des Bandes ist gut nachzuvollziehen, wie der Bischof dieser abgelegenen Prälatur zu einem Propheten gegen die Ungerechtigkeit in ganz Lateinamerika, zu einem Mahner für die Umkehr zum Evangelium innerhalb der ganzen Kirche und zu einem weltweit gefragten Visionär einer Welt jenseits des Neoliberalismus wurde.
Es wird in dieser Festschrift verständlich, wie CASALDÁLIGAS Missionsverständnis sich zuerst im Hinblick auf Gerechtigkeit und Menschenrechte, dann auch in der Öffnung für die Kulturen der Urbevölkerung und der afroamerikanischen Völker, im Eintreten für die Perspektiven und Rechte der Frauen und schließlich, in den letzten Jahren, im Plädoyer für einen offenen Dialog mit allen Religionen, auf der Basis der Option für die Armen weitete. Es wird auch deutlich, inwiefern er in all diesen Entwicklungen Missionar geblieben ist, ohne dem ihm vorgeworfenen Relativismus zu verfallen.
Zugleich erweist er sich als Dichter, der durch sein poetisches Werk Menschen auf eine ganz eigene Weise anzusprechen vermag und so den Dialog mit Welt und Gesellschaft auch in Bereiche trägt, die oft für kirchliche Themen nicht mehr ansprechbar sind. Durch seine Dichtung in spanischer, portugiesischer und katalonischer Sprache trägt er zudem zum interkulturellen Dialog zwischen den Menschen, die diese Sprachen sprechen, bei. Dieser Aspekt kommt in der Festschrift allerdings eher zu kurz, da nur wenige katalonische und portugiesische Texte zitiert werden.
Schließlich wird in den vielen Beiträgen des Buches immer wieder deutlich, dass sich im Leben und in den Anliegen CASALDÁLIGAS nichts um ihn selbst, sondern alles um Gott dreht. Sein ganzes Leben ist Ausdruck seiner Spiritualität. Sein Einsatz für die Armen steht in keinem Gegensatz zu seiner immer wieder geprüften Treue zur Kirche, sondern beide stehen auf demselben Fundament.
Den Herausgebern ist ein bemerkenswertes Buch zu einem bemerkenswerten Menschen geglückt. Wer sich mit der Person Pedro CASALDÁLIGAS oder mit der Theologie der Befreiung beschäftigen möchte, wird dankbar darauf zurückgreifen.
in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 93 (2009) 1, 139-140
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