Freitag, 10. Juli 2009

Rezension: Tokarski, Irene: Kirche und Partizipation in Bolivien.

Tokarski, Irene: Kirche und Partizipation in Bolivien. Die Option für die Armen der bolivianischen Kirche im Partizipationsprozess zur Armutsreduzierungsstrategie PRSP (Theologie und Praxis 30) LIT / Münster 2006, 384 S. ISBN 3-8258-9217-4

Das Jahr 2000 war der Anlass für die internationalen Kampagne “Erlassjahr 2000“, in der Tradition des biblischen Jubeljahres den Kampf gegen die Auslandsverschuldung besonders der ärmsten Länder zu intensivieren. Wie in vielen Ländern formierte sich damals auch in Bolivien ein breites Bündnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen unter Beteiligung der christlichen Kirchen. Das Besondere an Bolivien war nicht nur der breite gesellschaftliche Rückhalt, den die Kampagne erhielt, sondern auch die Nachhaltigkeit des politischen, gesellschaftlichen und auch kirchlichen Prozesses, der von dieser besonderen Jahreszahl ausgelöst wurde.
TOKARSKI begleitete nicht nur diesen Prozess von Anfang an in wesentlichen Schritten, weil sie als Beauftragte der bolivianischen Kirche für die Partnerschaft mit den Diözesen Hildesheim und Trier die Entschuldungsthematik zu einem Schwerpunkt der Partnerschaftsarbeit machte, sondern erforschte nun auch seine Vorgeschichte, seine Auswirkungen und seine Bedeutung in einer wissenschaftlichen Arbeit. Ihre Dissertation in Christlicher Sozialethik wertet einen Vorgang aus, in dem die Kirche zu einer neuen Rolle im Zusammenspiel zivilgesellschaftlicher Kräfte gefunden hat. Mit dem Stichwort „Partizipation“ wird ein neues Kapitel auch für die Missionswissenschaft aufgetan, weil es sowohl für die von der Kirche organisierte Beteiligung der Menschen an kirchlichen und gesellschaftlichen Prozessen steht als auch für die Beteiligung der Kirche selbst an einem Vorgang, der nicht nur von ihr allein verantwortet und gelenkt wird, sondern im Zusammenspiel zahlreicher zivilgesellschaftlicher und staatlicher Akteure erwächst.
Nach einem Vorwort von Edmundo Abastoflor, dem Erzbischof von La Paz, der die Bedeutung der Arbeit nicht nur für Bolivien, sondern auch für Deutschland, und nicht nur für die Theologie, sondern auch für die Entwicklungszusammenarbeit herausstellt, bietet die Autorin im ersten Kapitel einen Einblick in die gesellschaftliche Situation Boliviens, der unter der vielsagenden Überschrift „25 Jahre Demokratie – wachsende soziale Konflikte“ steht. An dieses Kapitel schließt sich ein zweites an, welches die Vorgeschichte des Themas Partizipation in Kirche, Staat und Entwicklungszusammenarbeit in Bolivien illustriert. Im dritten Kapitel wird die Geschichte des untersuchten Partizipationsprozesses im Detail historisch nachvollzogen und aus sozialethischer Sicht kommentiert. Von den Vorbereitungen für die Erlassjahrkampagne lange vor dem Jahr 2000 und den unmittelbaren gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in Bolivien spannt sich der Bogen über die zivilgesellschaftlichen Foren des Jahres 2000, die unter Federführung der katholischen Kirche und in Zusammenarbeit mit zahlreichen andern Gruppierungen auf verschiedenen regionalen und nationalen Ebenen organisiert wurden, sowie über den von der damaligen bolivianischen Regierung in komplementärer Weise organisierten Nationalen Dialog, ebenfalls im Jahr 2000 hin zu den aus diesem doppelten Prozess erwachsenen Gremien der nationalen, regionalen und lokalen Sozialkontrolle, die ebenfalls unter maßgeblicher Mitarbeit der katholischen Kirche kreiert wurden. Auf diese Weise wird im Detail deutlich, wie die Kirche in Bolivien in einem echten Kraftakt über mehrere Jahre hinweg sehr viel in einen Prozess investierte, der sie in engen Kontakt mit gesellschaftlichen Gruppen brachte, auch solchen, die in der Vergangenheit eher kirchendistanziert waren, um für eine größere Beteiligung der Bevölkerung an politischen und ökonomischen Entscheidungsprozessen einzutreten.
Das vierte Kapitel bietet eine theologische Wertung des Prozesses unter dem Titel „Option für die Armen als Option für Partizipation“. Hier macht die Autorin deutlich, wie die Option für die Armen in diesem Beteiligungsprozess konkret geworden ist und zeigt Konsequenzen für Kirche, Pastoral und Theologie weit über Bolivien hinaus auf. Mit „Zehn Thesen zu Kirche und Partizipation“ schließt die Autorin ihre Arbeit ab, der eine sehr ausführliche Bibliografie, 39 Abbildungen, ein Abkürzungsverzeichnis und ein Glossar mit Namen und Fachtermini aus den verschiedensten Disziplinen beigegeben ist. All dies trägt zur Lesbarkeit und Verwendbarkeit der Studie nicht unwesentlich bei.
Die bolivianische Kirche hat in diesem Prozess die von ihr vertretene Option für die Armen in eine Strategie der Beteiligung umgesetzt. Ganz im Sinne des vom Zweiten Vatikanischen Konzil in aller Nachdrücklichkeit vertretenen Dialogs mit allen Menschen guten Willens beteiligten sich zahlreiche Bischöfe, Abteilungen der Bischofskonferenz, Ordensleute und Priester, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nicht zuletzt lokale Gemeinden im ganzen Land an einem zivilgesellschaftlichen Prozess. Dieser wurde von der Kirche zwar maßgeblich, aber eben nicht allein verantwortet und gestaltet – sie musste sich partizipativ als eine von zahlreichen AkteurInnen in diesen Dialogprozess einbringen. Er diente auch nicht unmittelbar innerkirchlichen oder religiösen Zielen, sondern mit der Möglichkeit zur Partizipation aller an demokratischen Prozessen einem Baustein der Befreiung der Armen. Die Autorin beschreibt hier also einen Prozess, in dem die Kirche an sich selbst zuletzt dachte und nicht auf den eigenen Vorteil bedacht war, selbst da nicht, wo sie es hätte sein können. So selbstverständlich das in theologischen Ohren klingen mag, ist das in der Praxis der Mission in der Gegenwart noch immer eher ungewöhnlich und somit richtungweisend, denn nur auf diese Weise kann die Kirche ihrem Auftrag wirklich gerecht werden.
Der Autorin gebührt das Verdienst, an diesem Prozess nicht nur maßgeblich mitgearbeitet zu haben, sondern ihn nun auch für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit, auch im deutschsprachigen Raum, aufbereitet und zugänglich gemacht zu haben. Es ist der Studie zu wünschen, dass sie im sozialethischen und missionswissenschaftlichen Diskurs rezipiert und diskutiert wird. Sie stellt darüber hinaus auch eine sehr gute Einführung in die gesellschaftliche und kirchliche Realität Boliviens zur Jahrtausendwende dar.

Stefan Silber

in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 93 (2009) 1, 151-152