Lerner Febres, Salomón / Sayer, Josef (Hgg.): Wider das Vergessen, Yuyanapaq. Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Peru, Matthias-Grünewald-Verlag / Ostfildern 2008, 208 S.
Wenn es richtig ist, dass nach einem Rudyard Kipling zugeschriebenen Wort das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, so muss die Überwindung des Krieges und die Konstruktion von Frieden und Versöhnung mit der Suche nach der Wahrheit beginnen. Die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (WVK) stellte sich deshalb nach einem außerordentlich gewalttätigen und zerstörerischen Bürgerkrieg, der Peru von 1980 bis 2000 in Atem gehalten hatte, dieser komplexen und angreifbaren Aufgabe der „Wiederherstellung der Wahrheit“ (17). Dank der Initiative von Misereor und der Informationsstelle Peru können die Ergebnisse der Kommission nun auch in deutscher Sprache nachgelesen werden.
Der Bericht macht transparent, wie es dazu kam, dass die Entscheidung der radikalen Guerilla-Organisation „Leuchtender Pfad“ zum bewaffneten Kampf eine dramatische Eskalation der Gewalt nicht nur von Seiten der Polizei und der relativ bald hinzugezogenen Armee nach sich zog, sondern auch das Gewaltpotenzial der „Revolutionären Bewegung Tupac Amaru“ (MRTA), anfangs eher nach dem Vorbild anderer lateinamerikanischer Guerillas organisiert, und der bewaffneten so genannten „Selbstverteidigungskomitees“ enorm steigerte, so dass die Zivilbevölkerung zwischen diesen Akteuren der Gewalt regelrecht zerrieben wurde. Auf knapp 70.000 schätzt die WVK die Zahl der Todesopfer aus Ermordungen, Entführungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Massakern, Gefechten und Hinrichtungen. Auch die Traumatisierungen, politischen und sozialen Verwerfungen und weitere Konsequenzen der Gewalt werden von der Kommission dokumentiert.
Der Bericht verweist mehrfach auf die Tatsache, dass 75% der Opfer quechua- oder aymarasprachige Ureinwohner des Hochlands sind. Die größte Zahl der Opfer traf zudem die ärmsten Departements des Landes. Der Konflikt wurde also weitgehend auf dem Rücken der Armen und der Ureinwohner ausgetragen. Die WVK beklagt den Rassismus der peruanischen Öffentlichkeit, aufgrund dessen diese Tatsache über viele Jahre nicht zur Kenntnis genommen wurde.
Weitgehend positiv wird in dem Bericht die Rolle der Kirchen in Peru in den Jahren des Bürgerkrieges reflektiert. Diese leisteten nicht nur notwendige Menschrechtsarbeit und beteiligten sich am gesellschaftlichen Prozess der Suche nach Versöhnung und Frieden, sondern boten auch konkrete Hilfe und Zuflucht für Menschen in Not an. Sie wurde aus eben diesen Gründen aber auch von allen am Konflikt beteiligten Parteien angegriffen und verfolgt. Zahlreiche Laien, Ordensfrauen und Priester wurden ermordet.
Der Bericht schließt mit konkreten Vorschlägen für eine weitergehende Friedens- und Versöhnungsarbeit in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft.
Die WVK mit ihrem Vorsitzenden Salomón LERNER FEBRES arbeitete zwei Jahre lang akribisch die Ursachen, die Formen und die Konsequenzen der Gewalt auf, bevor sie 2003 der peruanischen Regierung einen neun Bände umfassenden Abschlussbericht vorlegte. Für die peruanische Öffentlichkeit wurde eine Zusammenfassung in fünf Heften erstellt, die nun übersetzt und leicht redaktionell bearbeitet den Hauptbestandteil des vorliegenden Bandes in deutscher Sprache bildet. Dazu kommen Auszüge aus den Schlussfolgerungen des ausführlichen Abschlussberichtes und verschiedene Anhänge. Das Buch ist leicht zugänglich und bietet einen sachlichen und historisch fundierten Einblick in die zwei Jahrzehnte der Gewalt, sowie die Suche nach ihrer Überwindung in Peru.
Josef SAYER, Hauptgeschäftsführer von Misereor, weist in seinem Geleitwort darauf hin, dass es auch in Europa wichtig ist, Kenntnis von den Vorgängen in der peruanischen Gesellschaft zu erlangen. Nicht nur stärkt die internationale Aufmerksamkeit die Position der WVK im innerperuanischen Versöhnungsprozess, sondern auch wir können von der peruanischen Gesellschaft lernen, wie wichtig es ist, sich auch schmerzlichen historischen Wahrheiten zu stellen und welche Bedingungen einen solchen Prozess ermöglichen.
Wie wichtig diese Dokumentation einer Erinnerung an die Verbrechen des peruanischen Bürgerkrieges auch innerkirchlich ist, zeigt eine aktuelle Polemik innerhalb der peruanischen Bischofskonferenz um die Rolle des Erzbischofs von Lima, Cipriani, dessen negative Einstellung zu Fragen der Menschenrechte und der historischen Aufarbeitung auch im Bericht der WVK ausdrücklich dokumentiert ist (64).
in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 93 (2009) 1, 146-147 und (gekürzt) in: Diakonia 40 (2009)1, 71
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