Montag, 5. Oktober 2009

Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel

Crüsemann Frank, Hungar Kristian, Janssen Claudia, Kessler Rainer, Schottroff Luise (Hg.): Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel. Gütersloher Verlagshaus/Gütersloh 2009, 792 S., gebundene Ausgabe, EUR 68,00 (D) – 70,00 (A) – SFr 113,00

Wie lebten die Fischer am See Genezareth? Welche Art Lampen besaßen die Klugen Jungfrauen? Was genau trugen die Frauen in Korinth zum Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf?
Wer sich für solche Fragen interessiert, ist bei diesem Wörterbuch richtig. Ob dieses Interesse aus reiner Neugierde an den biblischen Lebenswelten oder aus der Einsicht gespeist wird, dass ohne eine Kenntnis dieser Lebenswelten auch die Botschaften der Bibel nicht verstanden werden können, ist dabei nebensächlich. Denn das Buch eignet sich gleichermaßen zum wissenschaftlichen Arbeiten, zum schnellen Nachschlagen wie zum abendfüllenden Schmökern mit Suchtpotenzial.
Von A wie Abgaben bis Z wie Zeugin, über Geburt, Humor und Tod, werden wichtige Themen biblischer Alltagswelten kurz beschrieben. Die Artikel helfen, von der eigenen Lebenswelt abzusehen und besser zu verstehen, wie bestimmte Aussagen in der Bibel gemeint sind – und vor allem, wie sie nicht gemeint sind. Die 75 Autorinnen und Autoren der Beiträge sind gut biblisch meist zu zweit verantwortlich für einen Text und vermitteln einen Überblick über ein bestimmtes Thema, oft gegliedert etwa in Aspekte der alt- und neutestamentlichen Zeit und in einen Abschnitt über symbolisch-theologische Perspektiven. Die Texte sind dadurch in der Regel schnell zu erfassen. Jedes Lemma ist mit einer kurzen Bibliografie versehen, für alle, denen diese knappe Einführung in ein Thema nicht reicht. Vereinzelt illustrieren kleine Grafiken, Landkarten und Pläne das Beschriebene.
Nicht jedes gesuchte Stichwort ist schnell zu finden. Beispielsweise fanden die Herausgebenden eigene Artikel für „Kreuz/Kreuzigung“, für „Abendmahl/Eucharistie“ oder für „Zoll/Zöllner“ nicht notwendig. Die entsprechenden Informationen muss man sich dann beim Querlesen durch andere Artikel erarbeiten. Das wird durch einen ausführlichen Registerteil erleichtert: Neben einem umfassenden Stellenregister (das 69 Seiten umfasst) ist vor allem ein Sachregister hilfreich, in dem neben den über 200 Lemmata zahlreiche weitere Stichworte verzeichnet sind. Außerdem enthält der Band ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren, ein Abkürzungsverzeichnis und einen Bildnachweis. Leider fehlt darüber hinaus ein Ortsregister, da Orte auch nicht im Sachregister aufgelistet sind.
Das einführende Editorial gibt Rechenschaft über die theologischen Hintergründe des Wörterbuchs und erläutert vor allem die drei hermeneutischen Perspektiven, die auch von der „Bibel in gerechter Sprache“ bekannt sind: Auch das Sozialgeschichtliche Wörterbuch wird von einer befreiungstheologischen, einer feministischen und einer vom christlich-jüdischen Dialog geprägten Perspektive bestimmt. In vielen Einzelartikeln schlagen sich diese Vorentscheidungen in durchaus wohltuender Weise nieder. Vor allem antijudaistische Vorurteile in der urchristlichen Sozialgeschichte werden auf höchst interessante Weise entkräftet. So können neue Sichtweisen auf die Realität der biblischen Lebenswelten entstehen, die auch zu neuen, sachgemäßen Interpretationen des Wortes Gottes führen.
Man wünscht sich dieses Buch in den Händen aller, die predigen, Religionsunterricht erteilen oder in der biblischen Erwachsenenbildung tätig sind. Auch für Studierende und andere theologisch Interessierte ist es eine lohnende Investition.

veröffentlicht in: Bibel und Liturgie 82 (2009) 3, 227