In den letzten Wochen sind zwei Rezensionen von mir erschienen, zu vordergründig sehr unterschiedlichen Themen, die ich hier nachtragen will: Eine Rezension zu Hinkelammerts "Luzifer und die Bestie" und hier anschließend zu "Bibelverständnis zwischen Alltag und Wissenschaft", von Sonja Angelika Strube. Dieses Buch ergänzt sich sehr gut mit zwei weiteren Arbeiten zu "Alltagsexegesen", die ich hier rezensiert habe.
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Sonja Angelika Strube: Bibelverständnis zwischen Alltag und Wissenschaft. Eine empirisch-exegetische Studie auf der Basis von Joh 11,1-46 (Reihe: Tübinger Perspektiven zu Pastoraltheologie und Religionspädagogik), Münster: LIT-Verlag
2009
Aufgrund der vorliegenden Arbeit wurde die Autorin im Jahr 2009 in Praktischer und in Biblischer Theologie habilitiert. Diese Dopplung ist nicht nur bemerkenswert, sondern verweist auch darauf, dass Strube mit dieser Untersuchung ein Grenzgebiet ausgeleuchtet hat. Die Bibel wird im Alltag und in der Wissenschaft gelesen. Unterscheidet sich das Bibelverständnis in beiden Bereichen grundsätzlich? Kann es zu ähnlichen oder identischen Ergebnissen kommen? Welchen Erkenntnisgewinn könnte gegebenen Falls die wissenschaftliche von der Alltagsexegese erzielen?
Zur Beantwortung dieser Frage führte die Autorin zehn qualitative Interviews zur Erzählung von der Auferweckung des Lazarus (Joh 11). Fünf der InterviewpartnerInnen hatten einen christlichen Hintergrund (drei katholisch, einer lutherisch, einer freikirchlich); fünf andere nicht, da sie in der DDR in religiös ungeprägten Familien aufwuchsen. Die Einzelauslegungen der Interviews und Querbeobachtungen zu ihnen stehen im Mittelpunkt des II. Kapitels, das auf das methodisch orientierende erste folgt. Im dritten Kapitel analysiert Strube zehn relativ aktuelle exegetische Auslegungen zu Joh 11 (aus den 1990er Jahren), ebenfalls zunächst einzeln, dann mit Querbeobachtungen. Das vierte Kapitel ist dem Vergleich der wissenschaftlichen Auslegungen mit den Alltagslektüren gewidmet, bevor mit dem fünften und sechsten Kapitel die Studie abgeschlossen wird.
Es findet sich vor allem das wichtige Ergebnis, dass die Alltagslesenden ihr subjektives „ich“ bewusst thematisieren. Sie bringen sich selbst in Beziehung zum Text. Dies ist ein durchgängiges Ergebnis der zehn Interviews. Auch die Kirchendistanzierten setzen sich persönlich mit dem Text auseinander. Sie identifizieren sich mit einzelnen Personen, sie distanzieren sich von anderen – oder sogar von der gesamten Textaussage, aber sie setzen sich persönlich, subjektiv mit dem Text auseinander. Diese bewusste Subjektivität wird sogar ausdrücklich thematisiert und somit auch andere mögliche Sichtweisen auf die Texte akzeptiert. Strube belegt mit Beispielen aus der exegetischen Analyse, dass genau dies für die WissenschaftlerInnen auch gilt: Auch sie bringen ihre subjektive Einstellung zum Text mit in die Exegese ein – sie machen es nur nicht transparent.
Alle Alltagslesenden fühlen sich herausgefordert, den eigenen Glauben, Zweifel oder Unglauben zu benennen. Auf diese Weise entsteht der Sinn im Leseprozess selbst. Schließlich zeigt sich, dass vor allem die Alltagslesenden nach der lebenspraktischen Relevanz, den praktischen Konsequenzen des Bibeltextes fragen. Ohne diese Relevanz gilt der Text als nicht verstanden. Ein Praxisbezug für den heutigen Alltag wird erwartet, auch wenn der und die Lesende sich nachher von der „Moral von der Geschicht’“ distanziert.
Fazit: Die Alltagslesenden in Strubes Studie verbinden kritisches Denken, Emotionen bei der Lektüre und die Suche nach praktischen Konsequenzen für den Alltag miteinander, wenn sie die Bibel lesen. Die Autorin plädiert daher zuletzt dafür, dem Volk Gottes das Bibellesen zuzutrauen, am besten miteinander, in der Gruppe, im Dialog. Auch im Dialog mit der Bibelwissenschaft, denn beide Zugangswege zur Bibel hält sie für unverzichtbar und aufeinander angewiesen. Nicht zuletzt macht Strube darauf aufmerksam, dass dieser Dialog auch die bibellesenden Gemeinden der Dritten Welt einschließen muss, um von deren Perspektiven auf das Heilige Buch und auf unsere Lebenswelten zu lernen.
Erschienen in: Bibel und Liturgie 83 (2010) 1, 74-75
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