Franz J. Hinkelammert: Luzifer und die Bestie. Eine fundamentale Kritik jeder Opferideologie, Luzern: Edition Exodus 2009
In drei verschiedenen Essays nähert sich Franz Hinkelammert in diesem Buch der Frage, warum die gegenwärtige globale Kultur so gewalttätig, opferbereit und mörderisch ist. Vor dem Hintergrund der scheinbaren Alternativlosigkeit des neoliberalen Wirtschaftssystem seit 1989 und der verschiedenen Kriege und gewalttätigen Auseinandersetzungen, mit denen die USA und der Westen insgesamt seither den Globus überzogen haben, setzt sich der deutsche Ökonom und Theologe, der in Costa Rica lebt und arbeitet, mit den ideologischen Grundlagen westlicher Kultur und Wirtschaft auseinander.
Im ersten Teil, „Die Iphigenie des Westens“ (19-73) zeigt Hinkelammert, wie der Mythos des gerechten, ja notwendigen Menschenopfers die westliche Kultur seit ihren griechischen Anfängen durchzieht und zu einem tödlichen Kreislauf geworden ist, in dem immer mehr Menschen geopfert werden müssen, damit die Täter nicht als Mörder, sondern als tragische Helden erscheinen. Auch die christliche Opfertheologie trug ihren Teil zu diesem ideologischen Kreislauf bei, als sie ihre Herkunft aus der jüdischen Religion zu verleugnen begann. Der zweite Teil (75-127) widmet sich der Frage, ob es erlaubt, gerechtfertigt oder gar notwendig sei, unbezahlbare Auslandsschulden einzufordern oder zu bezahlen. Auch hier weist Hinkelammert nach, dass die älteste christliche Tradition mit Jesus und Paulus die Ansicht vertreten habe, dass Recht und Gesetz zum Tod führen können und ihre Übertretung dann zur christlichen Pflicht wird. Spätere theologische Traditionen jedoch beharren auf der unbedingten Einhaltung von Gesetzen, auch wenn sie Menschenleben kosten. Im dritten Teil schließlich, „Luzifer und die Bestie“ (129-256), analysiert Hinkelammert, auf welche Weise die kritische, ethische und am Menschen orientierte Stimme des Juden Jesus im Lauf der Geschichte der abendländischen Ideologie und Theologie zur Stimme Luzifers gemacht wurde, um die Unmenschlichkeit der herrschenden Ideologien zu kaschieren.
Auch wenn Hinkelammerts Kritik manchen zu plakativ und bisweilen etwas übertrieben dialektisch erscheinen mag, lohnt sich die kritische Auseinandersetzung mit dieser Analyse der westlichen Kultur aus der Sicht ihrer Opfer. Denn Hinkelammert kann zeigen, dass die Gewalttätigkeit und Zerstörungskraft des Westens nicht einer menschlichen Unzulänglichkeit, sondern einem Fehler im System geschuldet sind. Er deckt diesen Fehler nicht nur auf, sondern zeigt auch seine Ursachen und Wirkungsweisen. Schließlich zeigt er auf den letzten Seiten (leider nur sehr knapp), dass sich im Blick auf die Opfer ein Ausweg eröffnet.
Die ausführliche Einleitung von Kuno Füssel (7-18) gibt einen Überblick über das Denken Hinkelammerts, der nicht nur für ErstleserInnen interessant sein dürfte. Angesichts der weltweiten Krise des Kapitalismus liegen mit diesem Buch neue interessante Argumente für eine vertiefte Auseinandersetzung um menschlichere Alternativen auf dem Tisch der deutschsprachigen Theologie.
Erschienen in: Diakonia 41 (2010) 2, 147-148
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