Nach einigen Wochen ein erneuter Hinweis auf das "Kanzelamt", die Predigthilfe "im Dialog mit Heiden, Christen und Heidenchristen". Heute habe ich nämlich das Belegexemplar für eine Rezension in der Hand gehabt, die ich über das Kanzelamt verfasst haben, und die un in Bibel und Liturgie 84 (2011) 1, 66-67 veröffentlicht wurde. Hier der Text:
Jan-Henry Wanink (Hg.): Das Kanzelamt - Die Predigthilfe am Puls der Zeit. 100 Predigttexte im Dialog mit Heiden, Christen und Heidenchristen, Agenda Verlag 2010; 358 S; 34,80 € (D)
Bunte, vielfältige Lebenserfahrungen spiegelt die Bibel. So bunt und vielfältig wie Lebenserfahrungen heute sind, geht die Predigthilfe der ganz anderen Art des jungen evangelischen Theologen Wanink an die Bibel heran. Er lässt die Bibeltexte in Dialog mit den unterschiedlichsten Menschen treten, kirchenfremde und kirchengebundene Menschen unserer Zeit, Menschen der Vergangenheit und anderer Kontinente, aber beispielsweise auch Fachleute für Gefängnisse, Gehörlose, Gasthäuser und andere Themen aus der Bibel.
Vieles davon ist bewusste Verfremdung oder Provokation, aber nicht alles. Manche Texte zeigen auch einfach nur, wie anders biblische Texte in unserer Gesellschaft verstanden werden (können), wenn sie außerhalb der Kirchenmauern gelesen werden. Vielfach ist der erzwungene Blick von außen auf die Texte hilfreich, nicht nur, um mögliche und absehbare Verständnisse und Missverständnisse einzuschätzen, sondern auch, um mancher Intention Jesu oder der biblischen Verfasserinnen und Verfasser auf die Spur zu kommen, die ansonsten unter einer zweitausendjährigen Wirkungsgeschichte verborgen bleiben könnten.
Wanink hat die Perikopen der evangelischen Leseordnung wildfremden Menschen vorgelegt (oft im Zug) und sie gebeten, kurz ihre Meinung dazu zu sagen. Nach seiner Auskunft waren die meisten gerne dazu bereit und gaben – oft distanziert, manchmal respektlos, meist aber ernsthaft – eine kurze Stellungnahme dazu ab. Manche Perikopen wurden auch Schülerinnen und Schülern vorgelegt. Fast zu jeder Bibelstelle führte Wanink ein längeres Interview mit einem Experten oder einer Expertin, die aus nicht-theologischer Perspektive etwas zum Thema des Bibeltextes zu sagen hatten. Auf diese Weise kamen auch Politikerinnen und Politiker, Kabarettisten und andere Prominente in den Band. Auch YouTube und die Bildzeitung fehlen nicht. Zahlreiche Texte nichteuropäischer Autorinnen und Autoren öffnen den Blick für die Weite der Welt, der dem Prediger und der Predigerin durchaus nicht schaden wird.
Darüber hinaus kommen auch (teils skurrile) Kommentare aus der Geschichte der Kirche nicht zu kurz. Neben immer wieder eingestreuten Calvinschen („Senf aus Genf“) und Lutherschen („Futter von Luther“) Texten finden sich Auszüge aus Predigten zahlreicher Epochen. Manche erhellen den Text nachhaltig; andere (beispielsweise „deutsche“ Predigten von 1933-45) lassen die Haare zu Berge stehen und erinnern daran, dass jede Predigt an ihre eigene Zeit gebunden ist.
Waninks Sprache und sein Umgang mit dem Bibeltext und seiner Wirkungsgeschichte sind häufig von einer Respektlosigkeit geprägt, die selbst wieder eine wohltuende Verfremdung der „heiligen Texte“ bewirkt. Diese Sprache macht auch darauf aufmerksam, wie weltfern oftmals die gewohnte und scheinbar „normale“ Predigtsprache ist. Vieles reizt zum Widerspruch, und soll es wohl auch. Auch das dient der Predigtvorbereitung.
Die einzelnen Predigthilfen sind nach der Reihenfolge der biblischen Bücher angeordnet; ein gut gegliedertes Inhaltsverzeichnis hilft, die entsprechenden Sonntagstexte zu finden. Wenn katholischen Nutzerinnen und Nutzern manches sehr schräg lutherisch, reformiert oder evangelikal vorkommen sollte, hilft es vielleicht, das eigene katholische Textverständnis zu hinterfragen. Insgesamt kann das Kanzelamt als eine Predigthilfe neben anderen helfen, bei der Predigtvorbereitung über den engen Raum des binnenkirchlichen Milieus hinauszuschauen. Auch wer keine Predigten vorzubereiten hat (oder es nicht darf), kann sich von der Textsammlung zu der Frage inspirieren lassen, was denn die Menschen außerhalb der Kirchenmauern zum Sonntagsevangelium oder allgemein zu Glaube und Kirche zu sagen haben. Deswegen ist das Buch (trotz zahlreicher leicht zu vermeidender Lektoratsfehler) allen zu empfehlen, die mit Humor und Offenheit an manchmal etwas eigenwillige Rezeptionen des biblischen Textes herangehen wollen.

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