Montag, 26. September 2011

Unklare Verhältnisse in Bolivien

Nach meinem letzten Blog zum Thema TIPNIS haben sich die Nachrichten überschlagen:

gerade noch hatte ich bei Amerika21.de einen weiteren Hintergrundbericht gelesen, da meldet sich heute Blickpunkt Lateinamerika mit neuen Schreckensnachrichten - interessanterweise beide vom selben Autor, und trotzdem sehr gegensätzlich. Ob da die Redaktionen und ihre unterschiedlichen politischen Ausrichtungen jeweils ihre Hand im Spiel haben?

Und nun folgende Mail von einer Freundin aus Bolivien: Es ist wieder mal ganz schön schwer, aus der Ferne zu beurteilen, was da in diesem Land eigentlich vor sich geht.


Gestern am späten Nachmittag haben rund 500 Polizisten das Lager (bei Yucumo, rund 300 km nordöstlich von La Paz) des indigenen Protestmarsches gegen die Fernstrasse durch das Territorio Indigena Parque Nacional Isiboro Secure (TIPNIS) aufgelöst; die Leute wurden in Busse verladen und nach Rurrenabaque gefahren, mehrere Kinder verloren ihre Eltern, es gab mehrere Verletzte, auch unter den Polizisten.
Vorausgegangen war gestern, dass eine Gruppe von indigenen Frauen, den Aussenminister, David Choquehuanca, der nach Yucumo gereist war, gezwungen hatte, mit ihnen den Polizeiring zwischen indigenen Marchistas und Neusiedlerblockade zu durchbrechen. Einige Stunden später hatten sie ihn wieder freigelassen. Offensichtlich war dies der Auslöser für die Intervention der Polizei.
Die Regierung von Evo Morales beschuldigt die indigenen Demonstranten, dass sie sich von oppositionellen Kräften manipulieren lassen, die versuchen die Regierung Morales zu destabiliseren.
Noch gestern abend versammelten sich aus Protest rund 500 Personen auf der Plaza San Francisco hier in La Paz, wo schon seit einer Woche eine Mahnwache in Solidarität mit den Marchistas installiert ist. Heute – jetzt gleich – um 10 Uhr soll eine Demonstration gegen die Regierung von San Francisco aufbrechen. In San Borja haben Gruppen aus der Bevölkerung die Fernstasse blockiert, um einen Abtransport der Indigenas zu verhindern.
Mittlerweile wurden die indigenen Dirigentes wieder frei gelassen und haben angekïndigt, den Protestmarsch querfeldein Richtung La Paz weiter zu führen.
Schon seit über 40 Tagen sind die Marchistas unterwegs, und trafen in Yucumo auf eine Blockade der Neusiedler, colonos, oder wie sie sich jetzt nennen: comunidades interculturales, die den Bau der Fernstrasse befürworten. Zahlreiche Ansätze zum Dialog in den vergangen Wochen sind immer wieder gescheitert. Rolando Villena, Ombudsmann auf nationaler Ebene, der selbst der MAS-Regierung nahe steht und vorher methodistischer Bischof in Bolivien war, kritisierte gestern abend, dass es von Seiten der Regierung bisher aber keinen politischen Willen gab, den Konflikt zu lösen.
Hier überschlagen sich die Nachrichten, soeben ist die Verteidigungsministerin zurückgetreten... aus Protest gegen die Aktionen der Regierung.