Dienstag, 18. Oktober 2011

Bitterkeit ist eine Häresie - Pedro Casaldáliga

Pedro Casaldáliga am Ende der Märtyrerwallfahrt 17.07.2011

Wahrscheinlich ist dies meine letzte Märtyrerwallfahrt hier auf dieser Erde, bei der nächsten befinde ich mich schon im Schoß des Vaters und zähle die Sterne. Sei es die letzte oder die vorletze Wallfahrt – alt und tatterig habe ich das Recht Ratschläge zu geben. Das Gedenken an die Märtyrer, das Blut der Märtyrer ist mehr als ein Ratschlag – wir müssen gemeinsam daraus leben!

Der heilige Paulus gibt uns nach vielen theologischen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen einen Ratschlag: Vergesst die Armen nicht! Ich bitte euch, dass ihr die Option für die Armen nicht vergesst, die wesensmäßig zum Evangelium und zur Kirche Jesu Christi dazu gehört. Die Option für die Armen konkretisiert sich in den indigenen Völkern, den Schwarzen, den Frauen, die an den Rand gedrängt werden, in den Landlosen, den Gefangenen, in vielen Söhnen und Töchtern Gottes, denen es nicht möglich ist in Freiheit und Würde zu leben. Ich bitte euch auch, dass ihr das Blut der Märtyrer nicht vergesst, es gibt auch Menschen in der Kirche, die meinen, dass wir nicht mehr von den Märtyrer sprechen sollten. Wenn wir nicht mehr von den Märtyrern sprechen, dann können wir das Neue Testament schließen und ebenso das Antlitz Christi vergessen!

Nehmt die Anliegen der Märtyrerwallfahrt auf und verbreitet sie. Erinnern wir uns immer an die Anliegen für die sie gestorben sind. Setzen wir uns für diese Anliegen ein und wenn es nötig ist, dann geben auch wir unser Leben dafür.
Ich möchte euch noch etwas mit auf den Weg geben: Es gibt heute viel Bitterkeit, viel Enttäuschung und viel Mutlosigkeit: Das ist eine Häresie, das ist Sünde! Wir sind Menschen der Hoffnung – österliche Menschen. Eine andere Welt ist möglich – es liegt an uns! Eine andere Kirche ist möglich – es liegt an uns! Wir alle sollen uns engagieren, jeder wie eine lebendige Keimzelle, die immer wieder neues Leben hervorbringt.

Die Kirche der Befreiung ist lebendig, auferstanden, denn sie ist die Kirche Jesu Christi. Die Theologie der Befreiung, die Spiritualität der Befreiung, die Liturgie der Befreiung, das kirchliche Leben der Befreiung ist nichts, was weit weg ist, sondern ist verbunden mit dem österlichen Geheimnis, dem Geheimnis des Lebens Jesu, das auch das Geheimnis unseres Lebens ist.

Euch allen – eine immense Umarmung mit ganz viel Liebe, Zärtlichkeit und Hoffnung. Haltet die Hoffnung lebendig, dass sie der Grund eures Lebens ist! Man kann uns alles nehmen, nicht aber die treue Hoffnung! Eine große Umarmung euch allen – euch und euren Gemeinden und Gemeinschaften – dass der Weg weitergehen möge!!!

Amém, Axé, Awere, Halleluja.

------------------------

Vielen Dank an Christiane Hetterich, die diesen Text übersetzt und mir zur Verfügung gestellt hat!