Heute vor zwanzig Jahren wurden Ignacio Ellacuría, fünf seiner Mitbrüder, Julia Elba und Celina Ramos
ermordet.
Hier und
hier gibt es aktuelle Erinnerungen daran - sicher werden heute im Laufe des Tages noch viele dazukommen. Außerdem gibt es ja eine ganze Reihe von
Erinnerungsveranstaltungen.
Vor zwanzig Jahren war Ellacuría für mich noch relativ unbekannt. Inzwischen habe ich gelernt, wie wichtig er für die Befreiungstheologie gewesen ist und bis heute ist. Deswegen heute eine spezielle Erinnerung an "Ellacu", nämlich an die Alternative, die er für die gescheiterte alte Wirtschaftsordnung (das war damals der "siegreiche" Kapitalismus) entworfen hat: Die Zivilisation der Armut.
O-Ton Ellacuría: "Die Zivilisation der Armut, basierend auf einem durch die christliche Inspiration umgeformten materialistischen Humanismus, lehnt die Akkumulation des Kapitals als Triebkraft der Geschichte und den Besitzgenuss des Reichtums als Prinzip der Humanisierung ab; sie macht die universale Befriedigung der Grundbedürfnisse zum Prinzip der Entwicklung und das Wachstum der gemeinsamen Solidarität zur Grundlage der Humanisierung."
Ignacio Ellacuría: Utopie und Prophetie. In: ders.; Jon Sobrino (Hrsg.): Mysterium Liberationis. Grundbegriffe der Theologie der Befreiung. Luzern 1995, Bd. 1, 383-431
Die Zivilisation der Armut hat vier Aspekte:
- Prophetischer Aspekt: Sie klagt die jetzige historische Situation an, da sie Ausschluss produziert, die Ressourcen der Welt verschleudert und zu Gewalt und Krieg führt.
- Partizipativer Aspekt: Sie geht nicht nur von den Armen aus, sondern stellt sich auf ihre Seite, übernimmt ihre Perspektive und ihre Wahrheiten. Die Bedürfnisse und die Logik der Armen stehen im Mittelpunkt dieser Zivilisation und nicht die Bedürfnisse des Marktes und des Kapitals.
- Nachhaltiger Aspekt: Das Ziel der Zivilisation der Armut ist, es, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu stillen, auch der zukünftigen Generationen. Auch wenn dies bedeutet, dass eine Minderheit der Weltbevölkerung – nämlich wir im Norden – dafür eine relative Armut in Kauf nehmen müsste. Ellacuría romantisiert die Armut nicht – er will ja die extremen Konsequenzen der Armut gerade überwinden. Aber er stellt die positiven Konsequenzen heraus, das zivilisatorische Potenzial, das eine relative Armut für uns im Norden des Planeten besitzen würde.
- Spiritueller Aspekt: Auch für Ellacuría ist die Zivilisation der Armut ein spirituelles Projekt: Es verbindet den Glauben an die Menschenwürde und die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft auch für die Armen mit der Liebe, die sich beim Blick in das Angesicht der Armen bewährt. Die Zivilisation der Armut ist ein Weg der Nachfolge dessen, der keine Erniedrigung gescheut hat, hin zum Leben im Reich Gottes, dessen Realität Jesus immer schon praktizierte.
Das finde ich momentan sehr spannend. Ich werde sicher drauf zurückkommen.